Eine wichtige Institution feiert ein besonderes Jubiläum
06.05.2026 GesellschaftSeit 20 Jahren ist das Pflegezentrum Baar das Zuhause von Hans Werder. Der 86-Jährige leidet seit seinem 33. Lebensjahr an Multipler Sklerose. Die Krankheit veränderte sein Leben komplett. Einen starken Halt gibt ihm das spezialisierte Angebot der Abteilung Atrium.
RAHEL HEGGLIN
Hans Werder wuchs in einer Grossfamilie mit acht Geschwistern auf einem Bauernhof in Cham auf. Früh übernahm er Verantwortung und führte den elterlichen Betrieb, der seit sieben Generationen im Familienbesitz war. Sein Vater war gesundheitlich angeschlagen, sodass der junge Hans die Arbeit zusammen mit zwei Angestellten verrichtete. Ihm war nichts zu anstrengend, keine Arbeit zu schwer. Werder war ein kräftiger Mann, der nicht zu bremsen war.
Schicksalsbotschaft bei der Lorzentobelbrücke
Doch mit Anfang 30 änderte sich sein Leben, als sich erste Symptome der heimtückischen Krankheit zeigten. «Ich war nicht mehr in der Lage, Hemden zuzuknöpfen oder einen Nagel einzuschlagen, ohne danebenzuhauen», erinnert er sich. Lange blieb die Ursache für seine Sensibilitätsstörung unklar. Erst der Besuch eines Neurologen in Luzern brachte eine mögliche Diagnose. «Ich hatte das Aufgebot zu meinem letzten Militär-Wiederholungskurs. Also besuchte ich auf Weisung meines Arztes diesen Neurologen. Dieser riet mir, dem Aufgebot Folge zu leisten und sagte, er gäbe mir ein Attest mit, welches ich dem Militärarzt geben soll.»
Auf dem Weg zum Wiederholungskurs wollte Werder wissen, was in diesem Attest steht. Auf einem Parkplatz neben der Lorzentobelbrücke öffnete er den Umschlag und las die schicksalshaften Zeilen: «Der Gefreite, Werder Hans, hat wahrscheinlich Multiple Sklerose.» Was das für eine Krankheit war, wusste er damals nicht. Vom Militärdienst wurde er suspendiert, sein Leben fortan auf den Kopf gestellt. Das Gefühl von Steifheit und Kraftverlust beschreibt Werder als «angezogene Handbremse im Körper.»
Seine Expertise war in Baar gefragt
Mit 38 Jahren sass Werder im Rollstuhl, den Hof musste er seiner Schwester überlassen, die mit einem Bauern verheiratet war. Für Werder folgten Aufenthalte in Kliniken in Walenstadt-Berg, Bülach und Schaffhausen. Früh begann er zu überlegen, wie man rollstuhlgerecht bauen kann. Diese Kenntnisse brachte er in verschiedenen Projekten ein. So kam es, dass er vom damaligen Direktor des Pflegezentrums kontaktiert wurde. «Der Neubau in Baar stand an, und er fragte mich, ob ich meine Expertise auch hier einbringen könne», erinnert sich Werder. Für ihn bedeutete es nicht nur die Weitergabe seines Wissens, sondern auch einen Wohnortswechsel zurück in den Kanton Zug. So zog er im Jahr 2006 ins neue Daheim und profitiert seither vom stetigen Ausbau der Abteilung Atrium.
Das Atrium als tragende Stütze
Das Atrium ist Teil eines spezialisierten Angebots für Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen. Es verbindet Pflege, Therapie und soziale Betreuung und richtet sich an Erwachsene mit komplexen Krankheitsbildern. Seit der Anerkennung als IVSE-Betrieb im Jahr 2023 steigt die Nachfrage. «Derzeit stehen 22 Plätze zur Verfügung.
Wir würden gerne ausbauen, da der Bedarf gross ist», erklärt Daniel Cleve, Gesamtleiter Atrium. In der spezialisierten Abteilung werden Menschen nach Schlaganfällen, Unfällen oder bei fortschreitenden Erkrankungen behandelt. Ein wichtiges Angebot ist die Kombination aus medizinischer Pflege und pädagogischer Begleitung. Neben Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie setzt das Atrium auf Tagesstrukturen, die den Alltag der Bewohnenden möglichst normal gestalten.
Häufig kommen die Betroffenen direkt aus Spitälern oder Rehakliniken ins Pflegezentrum, wenn eine Rückkehr nach Hause nicht mehr möglich ist. Gründe dafür sind fehlende Barrierefreiheit, Überforderung der Angehörigen oder die hohen Kosten einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung.
Die Räume im Atrium sind mit moderner Technik ausgestattet, sodass Bewohnende selbst mit schweren Einschränkungen Türen, Betten oder Lifte steuern können. Auch bei diesen technischen Hilfsmitteln hat Werder sein Know-how eingebracht.
Jubiläumsfeier
In Werders Zimmer finden sich viele Erinnerungsstücke und Familienfotos. Auch einen Computer hat er, den er mithilfe einer speziellen Brille steuern kann. Auf diesem hört er gerne Lieder einer Maori-Sängerin, die die Schönheit der neuseeländischen Natur besingt. Dabei denkt er an die Reise zurück, die er in den 80er Jahren unternahm, um seinen ausgewanderten Bruder zu besuchen.
Nebst den Maoriklängen liebt Werder auch diejenigen des Alphorns. Und genau mit diesen Klängen will das Pflegezentrum Werder am 26. Mai eine Freude machen. Zu seinem 20-jährigen Jubiläum im Pflegezentrum Baar wird es eine kleine, geschlossene Feier geben.
Gleichzeitig soll diese Feier auch zeigen, wie bedeutend Institutionen wie das Atrium für Menschen sind, die bereits früh im Leben auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind.


