Es geht um Leistung, und um Freiheit
01.07.2026 GesellschaftAhmad Lotfi kam 2010 als Flüchtling in die Schweiz. 2015 wurde er Schweizer Meister im Kickboxen. Kürzlich hat er den Combin de la Tsessette (4’134 m.ü.M.) bestiegen, und damit alle 48 Viertausender der Schweiz.
ANNETTE KNÜSEL
Ahmad Lotfi spricht leise, aber deutlich. Ohne Schlepper sei er über die Balkanroute nach Europa gekommen und eher zufällig in der Schweiz gelandet. Sehr hart sei es gewesen, aber er habe es selbst geschafft. Verfolgt war er nicht, im Iran. Aber als er angefangen habe, sich politisch zu engagieren, habe er schnell gemerkt: «Das hier ist nichts für mich.»
Integration durch Sport
Als Flüchtling in der Schweiz hatte er zunächst viel Zeit für Sport. Er ging zum Kickboxen in die Kampfsportschule von Alex Calliari, wo er heute noch trainiert. Doch dieser vermittelte ihn schnell an Roland Hatt, bei dem er im Vollkontakt trainieren konnte. Lofti fing an zu kämpfen und wurden im November 2015 Schweizer Meister im Kickboxen.
Über den Sport hat er viele Menschen kennengelernt, eine Arbeit und eine Wohnung in Baar gefunden. Auch eine Aufenthaltsbewilligung hat er längst. Allen Flüchtlingen rät er: «Wenn ihr in ein fremdes Land geht, müsst ihr versuchen, euch in der Gesellschaft zu integrieren: Sport, Kirche, irgendwas … nicht zu Hause sitzen!»
Im Bann der Berge
Doch neben dem Kickboxen hat Lotfi eine zweite grosse Liebe: die Berge. Bei einem Ausflug auf den Zugerberg sah er den Wildspitz und wollte unbedingt dorthin. Gesagt, getan. Oben auf dem Wildspitz war er «total verliebt». Er sah die Rigi und wusste: Dort will ich hin. Auf der Rigi sah er den Pilatus, und auf dem Pilatus sah er den Uri Rotstock. Er begann, beim SAC Kurse zu belegen.
«Ich bewundere ihn», sagt Franziska Krebs. Sie ist Bergsteigerin, arbeitet bei einem Outdoor-Ausrüster und hat alle 48 Schweizer Viertausender bestiegen. Sie erinnert sich gut, wie Lotfi zum ersten Mal einen Kollegen in die Bergsportabteilung begleitete und sich für alles interessierte. Dann sei er oft gekommen, auch alleine. Sie habe nur zugehört, und ein paar Tipps gegeben, sagt sie bescheiden. «Sie hat mir sehr viel geholfen bei der Planung und bei der Ausrüstung», hält Lotfi dagegen, «Der Wille war gross, doch mir hat fast alles gefehlt. Ich möchte mich bei ihr bedanken.» Krebs hat alle Touren Lotfis mitverfolgt. Eine seiner Stärken sei, dass er das Gelände lesen könne. Ausserdem sei er trittsicher, mental sehr stark und habe einen starken Überlebenswillen.
Rückschläge nicht akzeptiert
Natürlich sind auch Fehler passiert, einer wurde ihm fast zum Verhängnis: Er ist oft mit Leuten in den Berg gegangen, die er nicht gut genug kannte. «Das sollte man einfach nicht machen, zu gefährlich», sagt Krebs. «Den richtigen Tourenpartner zu finden, ist sehr schwierig», sagt Lotfi, «viele Leute überschätzen sich.» Sein Partner fürs Matterhorn hatte mehr Erfahrung als Lotfi, denn es sollte schon seine zweite Tour aufs Matterhorn werden. Deshalb übernahm er die Führung. Doch bei der Vorbereitungstour am Zermatter Breithorn rutschte er aus und riss Lotfi am Seil mit in die Tiefe. 70 Meter stürzten sie über Eis und Stein, bevor sie knapp über einem Hang zum Stillstand kamen. «Fünf Meter weiter und ihr wärt tot», stellten die Leute von der Rega fest, die zum Glück sofort zur Stelle waren. Trotzdem dauerte es nur zwei Jahre, bis Lotfi mit dem Klettern weitermachte. Das Matterhorn bestieg er nach sorgfältiger Abwägung allein.
Der Absturz am Breithorn war nicht das erste Mal, dass Lotfi Schwierigkeiten überwunden hat, bei denen andere aufgeben würden. Auch im Kickboxen gab es Rückschläge: In einem Kampf im April 2016 wurde sein harter Schlag abgelenkt und Lotfi traf den Gegner mit dem Unterarm statt mit der Faust: Auf dem Video ist zu hören, wie der Unterarm bricht. Er wurde ins Spital gebracht, doch es dauerte Wochen, bis die Verletzung richtig diagnostiziert und behandelt wurde. «Bis der Bruch gefunden wurde, war Ahmad sehr niedergeschlagen», erinnert sich Trainer Calliagi. Die Heilung dauerte viele Monate. Lotfi trainierte weiter und ging, so bald möglich, wieder an Turniere. Doch nach einem letzten WM-Final 2018 in Zürich hörte er mit den Kämpfen auf: zu viele Schmerzen.
Alles selbst verdienen
Im Juni 2017 hat Ahmad Lotfi – allein geflüchtet aus dem Iran, angestellt im 100-Prozent-Pensum in Baar, Schweizer Meister im Kickboxen – seinen ersten Viertausender bestiegen. Und im Mai 2026 den achtundvierzigsten. Immer war er ohne Bergführer unterwegs. «Ich wollte alles selbst verdient haben», sagt er. Dabei es geht ihm nicht um Rekorde. Eine Tour auf den Pik Lenin in Kirgisistan (7’134 m.ü.M.) hat er auf 6’300 Metern Höhe wegen Magenproblemen ohne Reue abgebrochen.
Wenn er einen schönen Berg sieht, möchte er einfach oben stehen. Es geht um Leistung. Und um Freiheit.


