Tiere und Pflanzen beleben die Panzersperre Islisberg
09.09.2026 Natur/UmweltNatur Die Panzersperre oberhalb der Kantonsstrasse von Baar nach Kappel ist ökologisch aufgewertet worden. Die verbesserten Strukturen rund um die Betonblöcke schaffen wertvolleren Lebensraum.
FRANZ LUSTENBERGER
Hundert Meter lang, zehn bis zwölf Meter breit und tausende Tonnen von Beton. Das sind ein paar wenige Zahlen zur Panzersperre Islisberg, welche in den letzten Wochen aufgewertet wurde. André Guntern, Präsident von Pro Natura Zug, ist beim Augenschein kurz vor Abschluss der Arbeiten zufrieden: «Die Gemeinde Baar erhält eine neue, wertvolle Fläche für Tiere und Pflanzen.» Die immer stärker bedrohte Biodiversität werde ganz lokal verbessert. Dabei war die Idee der Panzersperre eine andere.
Letzte Sperre der Schweiz
Ursprünglich als Sperre gegen Panzer aus dem Osten geplant, verlor die Panzersperre Islisberg, die letzte ihrer Art, bereits während der Bauzeit ihren militärischen Zweck. Bei der Fertigstellung im Jahre 1991 war die Berliner Mauer schon zwei Jahre vorher gefallen und der Kalte Krieg gehörte der Vergangenheit an. Was nun? Die Frage beschäftigte die Armee, welche für den Unterhalt der Sperren aufkommen musste. Die Frage beschäftigte auch die Umweltorganisation Pro Natura, welche das ökologische Potenzial solcher Anlagen sah. Pro Natura Zug und Pro Natura Schweiz erwarben die Sperre an der Kantonsgrenze im Jahr 2018 zu einem symbolischen Preis.
Vernetzen statt Sperren
Die Panzersperre Islisberg befindet sich zwischen zwei Wäldern, dem Buechholz in Kappel und dem Schönbüelwald in Baar. Sie verbindet also zwei Wälder; sie dient daher für verschiedenste Tierarten als Korridor der Vernetzung. Nora Zuberbühler, die Projektleiterin von Pro Natura, sagt dazu: «Wir müssen nicht nur bestehende Lebensräume vergrössern, wir müssen sie vor allem mit geeigneten Massnahmen verknüpfen.» Ein Beispiel: Rehe und Hirsche brauchen auf ihren Wanderungen von Wald zu Wald Verbindungskorridore, in denen sie in Deckung gehen können. Auch für Fledermäuse sind solche Korridore wertvoll.
Entlang der Panzersperre mit einem leichten Gefälle legt die mit den Arbeiten beauftragte Firma Amhof Forst aus Steinhausen Wassertümpel an, formt Steinhaufen und schafft neue Kleinstrukturen. «Das ist eine schöne Arbeit für unseren Betrieb», sagt Firmenchef Markus Amhof bei der Abnahme des Werkes durch Pro Natura. Man habe rund hundert Stunden dafür eingesetzt.
Kernstück der Aufwertung sind neu angelegten Tümpel auf der Westseite der Sperre, eine natürliche Kaskade von Wasser, gespiesen durch Verwässerungen im Gebiet oberhalb der Anlage. Gefördert werden damit Amphibien wie Grasfrösche, Erdkröten, Gelbbauchunken oder Feuersalamander. Die neu angelegten Steinhaufen bilden ideale Rückzugsorte für Reptilien wie Blindschleichen, Eidechsen oder Ringelnattern. Aber auch Kleinsäuger wie Iltis und Hermelin finden Versteckmöglichkeiten. Zudem wird durch gezielte Rodungen von artfremden Sträuchern und Bäumen wie etwa Eiben die Vielfalt der Flora gefördert. Trockenmauern und Asthaufen tragen weiter dazu bei.
Kosten und Unterhalt
Die Kosten für die Aufwertung der Panzersperre Islisberg in der ersten Etappe betragen rund 30’000 Franken. Die Finanzierung ist wie folgt vereinbart: Je ein Viertel tragen der Kanton Zug und der Lorzenstromfonds (WWZ). Die andere Hälfte der Kosten übernehmen die Eigentümer der aufgewerteten Panzersperre, also Pro Natura Zug und Pro Natura Schweiz. Die Bewirtschaftung liegt wie bis anhin bei Landwirt Adrian Steiner.
Die biologische Aufwertung der Panzersperre ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Dem Bewirtschafter wird die Fläche als Biodiversitätsförderfläche angerechnet. Der Armee entstehen keine weiteren Unterhalts- oder gar Abbruchkosten. Hauptgewinner ist die Natur. Projektleiterin Zuberbühler: «Pro Natura kann mit dieser Aufwertung einen Beitrag für mehr Biodiversität in der Gemeinde Baar leisten.» Weitere Aufwertungen im Bereich der Sperre 3 entlang der Kantonsstrasse sind erst angedacht und müssen evaluiert werden.
500 Kilometer
In der ganzen Schweiz wurden vor, während und nach dem 2. Weltkrieg insgesamt über 3’200 Panzersperren errichtet. Sie waren einerseits das Ergebnis der Reduit-Strategie in der Abwehr eines Angriffs von Nazideutschland und andererseits eine Folge des Kalten Krieges in Europa. Die Panzersperren erreichten eine Gesamtlänge von rund 500 Kilometern. Viele Sperren wurden aus der «militärischen Nutzung» entlassen, also ihrem Schicksal überlassen oder zurückgebaut. Einen Teil übernahm die Umweltorganisation Pro Natura, welche in diesen Sperren Chancen für die biologische Vielfalt erkannte.



