Das Baarer Rösslitram – gelebte Geschichte auf vier Hufen
06.05.2026 RathauspostEntsorgung Wenn in den Quartieren von Baar Hufschläge zu hören sind, wissen viele Einwohnende sofort: Das Rösslitram ist unterwegs. Was anderswo längst museal geworden ist, gehört in Baar zum lebendigen Alltag – als soziale Dienstleistung, als Beitrag zum Recycling und als identitätsstiftendes Kulturgut.
Der Begriff «Rösslitram» stammt ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert. In vielen Schweizer Städten, darunter auch Zürich und Zug, verkehrten damals pferdegezogene Trams auf Schienen. Sie prägten das Stadtbild, bis sie gegen Ende des Jahrhunderts durch elektrische Bahnen ersetzt wurden. Diese frühen Pferdebahnen waren eine bedeutende Etappe der Mobilitätsgeschichte und ermöglichten erstmals einen geregelten öffentlichen Nahverkehr.
In Baar lebt der Name Rösslitram jedoch nicht nur als historische Erinnerung weiter. Hier wurde die Idee bewusst neu interpretiert – nicht als Verkehrsmittel, sondern als quartiernaher Sammeldienst für Wertstoffe, der Tradition und Gemeinwohl verbindet.
Die Geburt des Baarer Rösslitrams im Jahr 1997
Das heutige Baarer Rösslitram wurde 1997 ins Leben gerufen. Ziel war es, mehrere Bedürfnisse zu verbinden: eine einfache Recyclinglösung für die Bevölkerung, eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit für Menschen ohne festen Arbeitsplatz und ein ökologisch wie sozial nachhaltiges Angebot für die Gemeinde. Von Anfang an verstand sich das Projekt als Teil des gemeinschaftlichen Lebens. Bis heute wird das Rösslitram im Auftrag der Gemeinde Baar geführt und in Zusammenarbeit mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ) betrieben.
Ein vertrautes Gesicht: Fuhrhalterin Sonja Steiner
Seit 2013 liegt die Verantwortung für das Rösslitram in den Händen von Sonja Steiner, einer ausgebildeten Landschaftsgärtnerin und erfahrenen Pferdeführerin. Mit ihren Freibergerpferden ist sie regelmässig in den Baarer Quartieren unterwegs. Die Pferde kennen die Route ebenso gut wie viele der Stammkundinnen und -kunden, die oft schon warten, wenn das Rösslitram eintrifft.
Der persönliche Kontakt ist ein zentrales Element des Angebots. Für viele ältere Menschen bedeutet das Rösslitram nicht nur eine Erleichterung beim Recycling von Wertstoffen, sondern auch ein soziales Ereignis im Wochenablauf. Man trifft sich und tauscht sich aus. Das Rösslitram ist damit auch Teil der sozialen Fürsorge.
Die heutige Dienstleistung: nah, nachhaltig und zuverlässig
Heute sammelt das Baarer Rösslitram rezyklierbare Wertstoffe direkt in den Wohnquartieren. Angefahren werden gemäss Fahrplan zahlreiche Haltepunkte in der Gemeinde. Die Dienstleistung richtet sich bewusst an Personen, für die der Weg zu Sammelstellen beschwerlich ist – insbesondere ältere oder weniger mobile Menschen.
Der Betrieb erfolgt an festgelegten Tagen und Zeiten. Im Recyclingmerkblatt des Zweckverbandes der Zuger Einwohnergemeinden für die Bewirtschaftung von Abfällen (Zeba) ist der Fahrplan ersichtlich. Das Blatt wird in jede Haushaltung von Baar verteilt. Zudem ist er auf der Website der Gemeinde Baar www.baar.ch/ roesslitram aufgeschaltet.
Eine Institution mit Zukunft
Trotz modernster Entsorgungslogistik hat das Rösslitram seinen festen Platz behalten. Das liegt nicht nur an seiner praktischen Funktion, sondern auch an seinem Symbolwert. Es steht für Nachhaltigkeit, für soziale Nähe und für den bewussten Umgang mit Ressourcen. Die Wertstoffe werden im Ökihof Twerenbold in der Altgasse dem vorgesehenen Kreislauf zugeführt.
Das Rösslitram zeigt beispielhaft, wie eine Gemeinde Traditionen weiterentwickeln kann. In Baar ist es keine nostalgische Attraktion, sondern ein funktionierender Bestandteil des Alltags – und genau darin liegt seine Stärke.
Christof Gerig, Abteilungsleiter Sicherheit / Werkdienst
Bereits früher war ein «Güsel»-Rösslitram unterwegs
Eine Kehrichtabfuhr wurde in Baar erstmals nach dem Ersten Weltkrieg ein Thema. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Baar (VVB) ergriff 1922 die Initiative und richtete eine Kehrichtabfuhr auf freiwilliger Basis ein. Die Gemeinde beteiligte sich aus finanzieller Not nicht an den Kosten. Die Entsorgung kostete 6 Franken im Jahr. 1928 nutzten 290 Abonnenten den Service. 1946 stellte der VVB bei der Gemeinde den Antrag, sie möge die Kehrichtabfuhr übernehmen.
Der Gemeinderat erliess ein Reglement und erklärte die Kehrichtabfuhr in Baar-Dorf, Blickensdorf, Inwil und im Arbach für obligatorisch. Entsorgt wurde der Abfall in dieser Zeit durch die Fuhrhalter-Familie Staub und später durch den Werkdienst Baar – und zwar mit Ross und Wagen. Erst im Jahr 1952 wurde der motorisierte Kehrichtwagen eingeführt. Die letzte «Güseltour» mit dem Rösslitram erfolgte am 28. Juni 1963. Der Abschied war mit einer gewissen Wehmut verbunden, bis das Rösslitram in einer anderen Form im Jahr 1997 eine Wiederauferstehung erlebte.
Quelle: Ortsgeschichte Baar


