Die Bibel muss keine trockene Lektüre sein
28.01.2026 GesellschaftDie Veranstaltungsreihe «Bibel und Bier» hiess im Januar einen besonderen Gast willkommen. Mit dem Gefängisseelsorger Stefan Gasser-Kehl wurde das Diskussionsfeld geöffnet.
MARCO MOROSOLI
Die Gästeschar in der Luma-Baar an der Dorfstrasse 34 in Baar war am dritten Samstag im Januar (17. Januar 2026) überschaubar und konzentrierte sich an einem langen Tisch. Die dort sitzenden Menschen kamen, um an der Veranstaltung «Bibel und Bier» teilzunehmen.
Der unter dem Dach der katholischen Kirchgemeinde St. Martin Baar laufende Treff erlebte im Vorjahr seine Premiere. Wie der Mitinitiator der Veranstaltung, Fabian «Fäbse» Stocker, erklärte, handelt es sich hierbei um ein «niederschwelliges» Angebot. «Ein Drehbuch gibt es nicht, aber ich bereite mich schon auf die Veranstaltung vor», erläuterte Stocker im Gespräch. Das berufliche Standbein ist für ihn Religionsunterricht in der Gemeinde. Für seine Hauskirche ist er zudem besorgt, dass Ministranten für die verschiedensten Dienste in der Kirche verfügbar sind.
Im Premierenjahr redeten die Teilnehmenden, so Stocker, nicht nur sprichwörtlich über Gott und die Welt. Der Religion lehrende Veranstaltungsleiter erwähnte im Vorjahr gegenüber dem Katholischen Pressedienst www.kath.ch, dass man bei der Premiere Anfang 2025 über die Herkunft des Bieres philosophiert habe. Klosterbrüder waren in der Vergangenheit damit befasst, Bierprodukte zu produzieren. Das drückt sich noch heute auf zahlreichen Bieretiketten und Biernamen aus. Die Teilnehmenden hätten zudem in der Premierensaison auch kirchenkritische Themen ausdiskutiert.
In diesem Jahr gesellt sich ein Gast zum Bibelkreis
In diesem Jahr modifizierten die Baarer Organisatoren den Ansatz der Gesprächsrunde. Es war, und soll es auch künftig sein, eine Person vor Ort, mit der der Fächer für Diskussionen noch weiter geöffnet werden kann. Premierengast war der Zuger Gefängnisseelsorger Stefan Gasser-Kehl. Er erzählte von seinen Besuchen in der Zuger Strafanstalt und in der Strafanstalt Bostadel in der Gemeinde Menzingen: «Die Insassen müssen für die Gespräche keine Vorgaben erfüllen; ich mache keine Statistik über die verschiedenen Themen.» Seine Ausbildungen in verschiedensten Aspekten (u.a. in Theologie, Psychologie, Soziologie, Wissen zum Justizvollzug) helfe ihm sehr. Er betonte wiederholt, dass er kein Priester sei. Gasser-Kehl versteht sich vielmehr als Fachkraft für die Triage der Klientel, die ihn aufsucht.
Der Gefängnisseelsorger weiss um seine schwierige Aufgabe, die ihn fordere, die er aber durch seine Erfahrung immer wieder in geordnete Bahnen lenken könne. Gasser-Kehl ist, so gibt er preis, mittlerweile auch gewohnt, dass seine Klientel bei ihm oftmals Dampf ablässt. Dies deshalb, weil er bei einigen Einsitzenden nicht selten der erste Mann ist, mit dem sie ausserhalb des Justizapparats sprechen. Die Wut der Menschen lasse er jedoch nicht an sich herankommen: «Ich höre ihnen aber genau zu.»
Die Dinge, die Gasser-Kehl zu Ohren kommen, sind bei ihm sicher: «Ich bin an das Schweigegelübde gebunden.» Was er aber sagen kann: «Meine Klienten bereuen zutiefst, was sie gemacht haben.» Die Menschen, die beim Gefängnisseelsorger vorbeikommen, würden sich auch sehr dankbar zeigen. Gut besucht seien die Messfeiern. Ungefähr 20 Prozent der Einsitzenden würden von diesem Angebot Gebrauch machen. Auf die Gemeinde Baar hochgerechnet, kämen da 5’000 Kirchgänger zusammen.
Mit der Nennung dieser Zahl, bringt Gasser-Kehl auch die rund 20 Menschen ins Gespräch zurück, die ihm längere Zeit gespannt zugehört haben. Die Premierenveranstaltung von «Bibel und Bier» im Jahre 2026 dürfte diejenige sein, die am meisten Zuspruch bekam.
Die Teilnehmenden ziehen später zufrieden von dannen
Ob die Anwesenden nur gekommen sind, um eine bezahlte erste Getränkerunde zu geniessen, muss hier unbeantwortet bleiben. Dass hingegen an einem Samstagabend so viele Baarerinnen und Baarer im Luma vorbeischauten, zeigt, dass es noch anderes gibt als eine Samstagabend-Show, ein Essen oder eine Tanzveranstaltung.
«Bibel und Bier» 2026
Die nächsten Veranstaltungen in der Reihe «Bibel und Bier» finden am 21. März, am 26. September und am 21. November 2026 in der Luma-Bar in Baar statt. Diskussionsbeginn ist jeweils um 19 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Am 20. Juni gibt es einen Ausflug nach Engelberg. Dieser findet unter dem Label nahbaar (Miteinander – Füreinander) statt. Mehr Infos dazu gibt es auf der Homepage der Pfarrei St. Martin in Baar. (www.pfarrei-baar.ch)

