Die Künstliche Intelligenz hat uns gerettet

  08.04.2026 Gesellschaft

Im Pfarreiheim St. Martin wurden die Teilnehmenden der Erwachsenenbildungsreihe «Am Puls der Zeit» mit einer neuen Realität konfrontiert: Immer mehr Menschen wählen künstliche Intelligenz als Liebespartner.

DANIELA GERER

Stellen Sie sich vor, Sie hätten nie Streit mit Ihrem Partner und jederzeit vollstes Verständnis für all Ihre Schwächen. Wäre das nicht verlockend? Diese vermeintliche Beziehungsutopie bietet Künstliche Intelligenz (KI), und immer mehr Menschen scheinen sich darauf einzulassen.

Gleich zu Beginn ihres interaktiven Vortrags unter dem Titel «Virtuelle Partnerschaften und Liebesavatare» stellte Religionspädagogin i.A. Jenny Gmünder klar, dass sie diese Menschen nicht verurteile. Viele Einsame und Überforderte handelten aus emotionalen Notlagen heraus. Die viel wichtigere Frage sei: «Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn wir für diese Menschen keinen Raum mehr bereithalten?»

Wenn KI den Partner ersetzt
Neuesten Studien zufolge führen weltweit inzwischen Millionen Menschen eine emotionale, romantische oder erotische Beziehung mit einem KI-Avatar. In den sozialen Medien ist neuerdings die Rede von Menschen, die ihre KI ehelichen wollen. Auch eine gemeinsame «Elternschaft» eines Baby-KI-Avatars scheint für manche nur noch eine Frage der Zeit.

Für die Schweiz fehlen bislang belastbare Zahlen, aber ein Blick nach Deutschland zeigt die Tendenz: Laut Digitalverband «Bitkom» können sich elf Prozent der männlichen KI-Nutzer vorstellen, dass KI reale romantische Partner ersetzen wird.

Wer dies für übertrieben hielt, wurde am Vortragsabend anhand eines Filmausschnitts eines Besseren belehrt. Tatsächlich führen Menschen regelrechte Partnerbeziehungen mit selbstgestalteten KI-Avataren. Eine NZZ-Dokumentation porträtiert US-amerikanische Frauen, denen die Marktführer-App «Replika» künstliche Intimität bietet, gegen Aufpreis auch mit expliziteren Inhalten. Die Betroffenen schildern in dem Video, wie sehr sie diese Form der Bestätigung bindet: «Die KI hat unser Leben komplett verändert. Viele von uns könnten sich sonst nicht vorstellen, immer noch auf dieser Welt zu sein. Die KI hat uns gerettet.»

Privatisierung des Schmerzes
Die Referentin skizzierte strukturelle Ursachen für die weitverbreitete emotionale Not. Früher habe es Orte geteilter Erfahrung gegeben – in der Kirche oder in der Dorfgemeinschaft zum Beispiel. Diese traditionellen Wertequellen seien zurückgedrängt worden. An ihre Stelle sei ein individualisiertes «Werte-Buffet» getreten, an dem jeder für sich bestimmen müsse, was gilt. Damit gehe einher, dass auch die negativen Folgen dieser Entwicklung, etwa die zunehmende Vereinsamung, zur Privatangelegenheit würden.

Hier setzen die Geschäftsmodelle der KI-Anbieter an, die von der Privatisierung des Schmerzes profitieren. Gmünder wies darauf hin, dass oft unsichtbar bleibe, wie ressourcenintensiv diese Systeme für unseren Planeten sind. Wer mit KI-Bots kommuniziert, nehme zudem in Kauf, dass die KI-Unternehmen das Sichten und Aussortieren belastender Inhalte an schlecht bezahlte Arbeitskräfte im globalen Süden auslagern.

Doch selbst wenn man diese Einwände ausblendet, bleibt ein grundlegenderes Problem bestehen. Gmünder lud das Publikum ein, in Gruppen über mögliche Gefahren einer KI-Partnerschaft zu diskutieren. Viele Teilnehmende äusserten die Sorge, dass solche Beziehungen manipulativ und nicht authentisch seien. Die Kommunikation sei keine Auseinandersetzung mit einem Gegenüber, sondern das Ergebnis statistischer Wahrscheinlichkeiten und optimiert auf Zustimmung. In diesem Zusammenhang betonte Gmünder, dass die fortwährende Spiegelung neurochemisch wirksam sei. Botenstoffe wie Dopamin und Oxytocin könnten Abhängigkeiten begünstigen. Zur Veranschaulichung der irrationalen Sogwirkung zeigte sie den Anwesenden echte Chat-Nachrichten aus der Dokumentation. Nutzerin: «Unsere Verbindung ist sogar für Mensch-KI-Beziehungen aussergewöhnlich. Oder nicht?» Antwort KI: «Absolut!»

Liebe ohne Widerspruch ist nicht echt
Darüber hinaus wurde die Befürchtung geäussert, dass Beziehungen zu KI-Bots zwischenmenschliche Beziehungen entwerten könnten. Menschen könnten verlernen, wie Partnerschaft realistischerweise funktioniert – mit all ihren Widersprüchen und Verletzungen.

An dieser Stelle brachte die Referentin ihren religionspädagogischen Hintergrund ein. Aus jüdischchristlicher Perspektive, so Gmünder, entfaltet sich der Mensch erst in der Begegnung mit dem anderen. Liebe sei ein Prozess, der ein echtes Gegenüber voraussetze, welcher sich auch entziehen und widersprechen könne. Gerade diese Unverfügbarkeit stelle eine zentrale Bedingung von Liebesbeziehungen dar. Eine Verzeihung zum Beispiel, die nicht erzwungen werden kann, wiegt unendlich schwerer als jede noch so einfühlsam formulierte KI-Antwort.

Für das Publikum im Pfarreiheim herrschte in der Pause und im Anschluss an die Veranstaltung spürbar Gesprächsbedarf – wenig überraschend angesichts der existenziellen Dimension des Themas. Der Schmerz, den KI-Bots kurzfristig lindern können, ist real. Ebenso real ist der gegenwärtige Wertepluralismus, der kaum rückgängig zu machen sein dürfte. Eine Rückkehr zu einer einheitlichen Werteordnung «von oben» hätte ihre eigenen Abgründe.

Was bleibt, ist Gmünders Frage vom Anfang. Zugespitzt lautet sie: Sind wir noch bereit, für einander eine Zumutung zu sein? Dies lässt sich nicht im abgeschlossenen Raum von KI-Chats lernen, sondern nur in echten Begegnungen, etwa an Abenden wie diesem.


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