Mehr Babys erblicken in Baar das Licht der Welt
11.02.2026 GesellschaftWenn Cham schliesst, springt Baar ein: Wie das Kantonsspital Zug mit den höheren Fallzahlen seit der Schliessung der Geburtenabteilung der Andreasklinik zurecht kommt.
INGRID HIERONYMI
Mit der Schliessung der Geburtenabteilung der Andreasklinik Cham per 30. Juni 2025 hat sich die geburtshilfliche Versorgung im Kanton Zug spürbar verschoben. Was früher auf zwei Standorte verteilt war, konzentriert sich nun fast vollständig in Baar. Das Kantonsspital Zug (KSZ) ist seit dem Sommer der einzige Ort im Kanton, an dem Frauen ihr Kind im Spital zur Welt bringen können. Die Auswirkungen zeigen sich bereits deutlich.
Ein Rekordmonat mitten im Sommer
Bereits im Juli 2025 wurde sichtbar, wie stark der Zustrom aus Cham ausfallen könnte: 116 Babys kamen im KSZ zur Welt. So viele wie noch nie in einem einzigen Monat. Insgesamt zählte das KSZ im vergangenen Jahr 999 Neugeborene, 86 mehr als im Vorjahr. Für 2026 werden gar gegen 1ʼ100 Geburten erwartet.
Im KSZ wird davon ausgegangen, dass ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs direkt mit der Schliessung der Geburtenabteilung in Cham zusammenhängt. «Unsere Geburtenabteilung ist zurzeit sehr gut ausgelastet.» So beschreibt Heidi Röllin, Co-Leiterin Kommunikation und Marketing KSZ, die aktuelle Situation. Sie betont, dass das Spital gut gerüstet sei, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden. Man habe bereits Erfahrung mit Spitzenbelastungen: «Im Jahr 2021 hatten wir schon deutlich über 1ʼ000 Geburten und konnten dies mit der aktuellen Infrastruktur und unserem Personal gut bewältigen», führt Röllin weiter aus.
Die lange Vorgeschichte der neuen Spitalliste
Bereits 2019 begann der Kanton Zug mit der Überarbeitung der Spitalliste, die vereinfacht gesagt festlegt, welches Spital welche Leistungen erbringen kann, an die der Kanton Beiträge entrichtet. Fachleute wiesen damals darauf hin, dass zwei kleine geburtshilfliche Standorte im Kanton langfristig schwierig zu finanzieren wären. Die Geburtenzahlen waren rückläufig, die Anforderungen an Qualität und Sicherheit stiegen.
2021 erreichte das KSZ mit 1ʼ043 Geburten einen historischen Höchststand. Gleichzeitig sanken die Zahlen in Cham. Dennoch formierte sich in Cham und Umgebung Widerstand: Belegärzte, Familien und die Gemeinde Cham warnten vor längeren Wegen und dem Verlust eines vertrauten Angebots. Nicht nur wegen der absehbaren Schliessung der Geburtenabteilung, sondern auch, weil in der neuen Spitalliste vorgesehen war, dass die Andreasklinik die Funktionen der Notfall- und Grundversorgung nicht weiter würde ausüben können.
Ende 2022 setzte der Regierungsrat die neue Spitalliste fest und entzog der Andreasklinik neben der Grund- und Notfallversorgung auch die Geburtshilfe. Die Andreasklinik legte gegen diesen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein, zog sie jedoch anfangs 2025 zurück. Dies, nachdem die Klinikleitung über die Bücher gegangen war und eine wirtschaftliche Neuorientierung beschlossen hatte. Die Schliessung der Geburtenabteilung per 30. Juni 2025 war auch Teil dieser Neuausrichtung.
Baar wird zum geburtshilflichen Zentrum
Für Baar bedeutet diese Entwicklung eine klare Aufwertung des Standorts. Das KSZ ist nicht nur das grösste Spital im Kanton, sondern nun auch der einzige Ort, an dem rund um die Uhr eine geburtshilfliche Versorgung gewährleistet ist. Die Frauenklinik verfügt über drei Gebärsäle und drei Vorbereitungszimmer, mit denen der Bedarf vollumfänglich abgedeckt werden kann.
Ein Ausbau der Geburtenabteilung sei derzeit nicht geplant, lässt Röllin auf Anfrage verlauten. Die Begründung: Die Geburtenzahlen sinken schweizweit seit Jahren, und langfristig rechnet man eher wieder mit rückläufigen Zahlen. Der aktuelle Anstieg wird als Übergangsphase betrachtet, auch wenn er für Baar deutlich spürbar ist.
Kein Fachkräftemangel in der Geburtshilfe
Trotz der zusätzlichen Belastung spricht das KSZ nicht von Engpässen. Eine zusätzliche leitende Ärztin mit Schwerpunkt fetomaternale Medizin wurde angestellt und das Team der Hebammen vergrössert. Zwei Mitarbeitende aus der Andreasklinik – eine Pflegefachfrau und eine Pflegeassistentin – fanden in Baar eine neue Stelle. Auch aus dem Spital Muri, dessen Geburtenabteilung Ende 2025 ebenfalls geschlossen wurde, konnte eine Hebamme übernommen werden. Zudem verweist Röllin darauf, dass das KSZ bereits 2021 mit derselben Infrastruktur wie heute die über 1ʼ000 Geburten bewältigt habe. Spitzenbelastungen seien also nichts Neues.
Röllin betont, dass die Qualität der Betreuung auch bei steigenden Zahlen gewährleistet bleibt: «Mit der aktuellen Infrastruktur und dem Fachpersonal kann die gute, persönliche Betreuung auch bei steigenden Geburtenzahlen weiterhin sichergestellt werden.» Neben den Geburten nehmen auch die Notfälle und Sicherheitskontrollen zu, die in der Geburtenabteilung durchgeführt werden. Das Spital reagierte darauf mit mehr Personalpräsenz, insbesondere nachts.
Gute Zukunftsaussichten trotz weniger Geburten
Viele Familien, die früher in Cham Kinder geboren haben, müssen sich nun neu orientieren. Rückmeldungen von Patientinnen, die bereits im KSZ geboren haben, fallen laut Röllin sehr positiv aus. Besonders hervorgehoben werden Professionalität und eine Betreuung auf Augenhöhe.
Auch wenn die Geburtenzahlen schweizweit sinken, dürfte Baar in den kommenden Jahren eine stabile oder sogar leicht erhöhte Nachfrage erleben. Nachdem auch Muri die Geburtenabteilung geschlossen hat, rückt die Region stärker zusammen und das KSZ wird zum einzigen geburtshilflichen Anker im Kanton. Eine Herausforderung, der sich das Spital mit Zuversicht stellt.

