«Problem, Lösung, fertig – so einfach ist es nicht»

  22.04.2026 Gesellschaft

Seit einem halben Jahr hat die Gemeinde Baar einen Jungpolitiker, der einfache Antworten scheut.

DANIELA GERER

Die Gefahren einer zunehmend polarisierten Gesellschaft sind in aller Munde. Viele Menschen fühlen sich von der unübersichtlichen Weltlage überfordert und sehnen sich nach klaren Antworten. In einem solchen Klima haben populistische Meinungsmacher leichtes Spiel. Der 19-jährige Enrico Steiner hat sich vor diesem Hintergrund entschlossen zu handeln. Er findet: «Wenn man schon reklamiert, dann kann man auch versuchen, sich selbst zu engagieren.»

Wer sich mit dem jungen Baarer unterhält, gewinnt rasch den Eindruck, dass hier jemand schon länger und gründlicher über die Welt nachdenkt, als man es von einem 19-Jährigen erwarten würde. Fernab jeglicher Polemik argumentiert er so kohärent wie nuanciert und lässt sich auch bei kritischen Nachfragen nicht aus der Ruhe bringen.

Wie man lernen kann, Komplexität auszuhalten
Steiners Leidenschaft fürs Debattieren hat ihren Ursprung wohl im Blickensdorfer Elternhaus, wo er noch heute lebt. «Am Esstisch wurde immer schon sehr viel über aktuelle Ereignisse diskutiert», erzählt er. «Ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, wieso ich mich schon so früh dafür interessiert habe.» An der Kantonsschule Zug wurde sein Talent zum inhaltlichen Austausch weiter gefördert, unter anderem durch das schweizweite Programm «Jugend debattiert». Darin lernen Schülerinnen und Schüler, zu einem vorgegebenen Thema sowohl Pro- als auch Kontraargumente zu entwickeln. In den Debatten selbst müssen sie auch Positionen vertreten können, die ihrer eigenen Haltung widersprechen.

Steiners besondere Fähigkeit, gute Argumente zu finden und diese rhetorisch überzeugend zu artikulieren, blieb im Folgenden nicht unbemerkt. Mit 13 Jahren gewann er erstmals den Zentralschweizer Debattierwettbewerb der Mittelschulen, 2025 holte er den Titel ein zweites Mal.

Rückblickend erkennt der Kanticup-Sieger verzeihliche naive Tendenzen beim jungen Enrico: «Mit 13 denkt man sich – Problem, Lösung, fertig. So einfach ist es dann in Wahrheit halt nicht.»

Das Debattieren hat ihn schrittweise gelehrt, Komplexität auszuhalten, sie aber auch strukturiert und kompromissorientiert zu durchdenken.

Die schönste Art von Politik
Statt in zynische Passivität zu verfallen, hat er einen realistischen Politiksinn entwickelt. Seit September 2025 engagiert er sich als Vorstandsmitglied der Jungen Mitte Kanton Zug und sitzt in der Integrationskommission der Gemeinde Baar. Dort erlebt er nun auch praktisch, was es bedeutet, bei komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen immer wieder einen Konsens auszuhandeln. Ob es um den wachsenden Bedarf an bilingualen Kitaplätzen geht oder um den Umgang mit einer neuen Asylunterkunft – der Jungpolitiker ist überzeugt: «Lokalpolitik ist die schönste Art von Politik. Man ist direkt betroffen in seinem Alltag und sieht die Auswirkungen innerhalb kürzester Zeit.»

Problembewirtschaftung reicht nicht
Mit seiner Einschätzung zur aktuellen Polarisierungstendenz in Gesellschaft und Politik hält Steiner nicht hinter dem Berg. «Es wird viel geredet und nicht so viel gemacht im Moment», sagt er. «Wenn alle Parteien nur bei ihren Maximalforderungen bleiben, kommen wir nie zu Lösungen.» Deshalb fühle er sich bei der Partei Die Mitte wohl: «Das Schöne ist, dass man zu einem Thema eine andere Meinung haben darf als die Partei. Hier habe ich eine anregende Diskussionskultur vorgefunden.»

Könnte man eine zentristische Politikhaltung nicht auch als rückgratlos bezeichnen? Steiner entgegnet, dass Politik in einer Demokratie per Definition Konsensbildung erfordere. In den USA etwa schwanke die Politik stark zwischen den Extremen. Bis ein überparteilicher Konsens erreicht sei, könne schon viel Schaden entstehen. Das politische System der Schweiz sei mit seiner konkordanzorientierten Politikkultur besser aufgestellt.

Ein bodenständiges Leben mit Potenzial zum Abheben
Abseits der Politik führt Steiner ein bodenständiges Leben, auch wenn er angesichts zahlreicher schulischer Auszeichnungen allen Grund zum Abheben hätte.

Er liebt das Mountainbiken auf den Zentralschweizer Trails, hat seine bereits sehr guten Italienischkenntnisse bei einem Sprachaufenthalt in Modena aufgebessert und nach der Matura bei der Migros gejobbt.

Aktuell absolviert Steiner seinen Militärdienst. Was ihn dort am meisten beeindruckt: «Man denkt nicht nur für sich selbst. Das könnte man auch gut auf das zivile Leben ummünzen.»

Sein analytisches Denkvermögen möchte er künftig im Jurastudium in Zürich vertiefen. Die Debattierkultur an der Kantonsschule Zug will er dabei aber nicht hinter sich lassen, sondern weiter fördern, etwa durch Coaching des Nachwuchses oder der Organisation von Politpodien.

Hinzu kommt sein erster Wahlkampf im Herbst 2026, denn Die Mitte Baar hat den jungen Politiker als Kandidat für den Zuger Kantonsrat nominiert. Vielleicht wird Steiners Politikansatz also schon bald einer grösseren Bewährungsprobe ausgesetzt.

Es lohnt sich, den Weg des jungen Baarers weiterzuverfolgen. Hier verbindet jemand Bodenständigkeit mit der seltenen Gabe, komplexe Sachverhalte differenziert und vernunftgeleitet zu durchdenken – ein wohltuender Kontrastpunkt zur Allgegenwart selbstdarstellerischer Scharlatane und vermeintlicher Heilsbringer.


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