Scheibenhäuser und ihre Menschen werden «verewigt»

  01.07.2026 Gesellschaft

Die vier markanten Häuser an der Rigistrasse werden in den nächsten zehn Jahren einer neuen Überbauung weichen. Grund genug für die Architektin Raffaella Endrizzi, die Geschichte der Häuser und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zu dokumentieren.

FRANZ LUSTENBERGER

«D’Blöck – Geschichten aus der Rigistrasse» heisst das Projekt der Architektin, die in unmittelbarer Nähe zu den Scheibenhäusern aufgewachsen ist. «Ich kenne viele Familien seit meiner Kindheit, sagt sie im Gespräch im Dorfcafé nebenan. Deshalb: «Mir geht es um die Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten.» Es würden nicht nur Gebäude verschwinden, sondern auch Erinnerungen, Nachbarschaften und persönliche Geschichten.

Endrizzi konzentriert sich auf drei Fragestellungen: auf die Bedeutung der Siedlung für die Menschen, auf die Veränderung des sozialen Gefüges durch den baulichen Wandel und auf die Dokumentierung der Geschichte für kommende Generationen. Das Vorhaben verbindet dokumentarische Fotografie, Interviews und Archivarbeit. Sie nennt dies ihren Beitrag zur «Erinnerungskultur» in Baar: «Ich will ein Stück Zeitgeschichte sichtbar machen.»

Interviews in diesem Sommer
Die Perspektiven der Bewohnerinnen und Bewohner stehen im Zentrum der narrativen Dokumentation. In gegen 15 Interviews werden persönliche Erinnerungen, Alltagsgeschichten und Erfahrungen mit der Siedlung gesammelt, jeweils ergänzt durch ein Portraitfoto an einem Ort innerhalb der Siedlung, welcher für diese Person von besonderer Bedeutung ist. Ergänzt werden diese sehr persönlichen Geschichten durch Fachgespräche über städtebauliche Hintergründe oder die Entwicklung der Gemeinde, insbesondere des Ortsteils Inwil.

Die Architektin dazu: «Es geht mir auch darum, die Inwiler Scheibenhäuser in den Zusammenhang mit dem Wohnungsbau der Nachkriegszeit zu stellen.» Die Wohnbauten sind denn auch eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs; für die vielen zugezogenen Arbeiter und ihre Familien mussten von den Unternehmen auch Wohnungen erstellt werden. Ein besonderes Augenmerk richtet Endrizzi denn auch auf das soziale Gefüge innerhalb der Siedlung.

Von Inwil nach Hongkong
Nach den Schulen in Baar und Zug und der Eidgenössischen Berufsmatura und Passerelle hat Endrizzi an der ETH in Zürich Architekur studiert und dann in Büros in der Schweiz gearbeitet. Für die junge Architektin steht ein Aspekt im Vordergrund: «Bauen ist nie Selbstzweck, Architektur ist immer auch Trägerin von Lebensgeschichten.» Aus dieser Grundmotivation heraus hat sie zusammen mit Eveline Schneider das Buch «Lochergut – ein Portrait» geschrieben, fotografiert und herausgegeben. Als stellvertretende Projektleiterin war sie mitbeteiligt am Neubau des Nationalen Sportzentrums Schwimmen in Tenero, wo auch viele Baarerinnen und Baarer sportliche Ferien und Trainingstage verbrachten. «Ich habe mich schon in der Jugend für Ostasien interessiert», sagt sie auf die Frage nach ihrem derzeitigen Wohn- und Arbeitsort Hongkong. Nach einem Aufenthalt in Peking ist sie mit ihrer Familie 2021 nach China gezogen, wo sie an der «University of Hong Kong» (HKU) und der «The Chinese University of Hong Kong» (CUHK) Architektur und Landschaftsarchitektur unterrichtet. Daneben dokumentiert sie zurzeit das immer mehr verschwindende Handwerk des Bambusgerüstbaus. Ihr Fokus liegt neben dem Städtebau auf urbaner Forschung und Architekturfotografie. Genau diese drei Punkte sind es auch, die sie mit dem Projekt Rigistrasse – «und das erst noch in meiner engsten Heimat» – umsetzen kann.


Ausstellung / Publikation

In den Wochen 30 (ab 21. Juli) und 34 (17. – 19. August) führt Endrizzi Interviews durch, bevor sie und ihre Familie wieder nach Hongkong zurückkehren. Dort wird sie die Interviews, die Fotos, die Fachgespräche und die weiteren Unterlagen bearbeiten und sowohl für die Ausstellung wie für die Publikation zusammenstellen. Die Ausstellung, verbunden mit einer Podiumsdiskussion, ist in Baar für den März 2027 geplant.


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