«Warum» der Kinder fordert mehr als eine Google-Suche
26.03.2025 Bildung«Digitalisierung im Familienalltag». Unter diesem Titel lud die Pfarrei St. Martin am letzten Samstag zu einer Weiterbildungsveranstaltung aus der Reihe «Am Puls der Zeit» ein. Das Smartphone ist allgegenwärtig und stellt nicht nur Eltern vor neue Herausforderungen.
FRANZ LUSTENBERGER
Warum, warum und nochmals warum – tausendfach am Tag stellen Kinder diese Frage. Was ist da einfacher, als das Handy zu zücken und aus dem Internet die schnelle Antwort zu finden? Höchst problematisch findet die Pädagogin Anita Schwegler dieses Vorgehen. Denn Kinderfragen sind Ausgangspunkte für ein Gespräch. Ein Beispiel: Woher kommen Babys? Als Antwort zeigt die Mutter die Narbe des Kaiserschnitts, und schon entsteht eine Kommunikation. Schwegler: «So erhalten Kinder konkret und real eine Antwort.» Die Denkfähigkeit wird angeregt, die Lernfreude gesteigert.
Für Eltern und Grosseltern ist die Herausforderung riesig. Ihr Umgang mit dem Handy oder dem Tablet sei «prägend für die Kinder in den ersten sechs Lebensjahren», hält Jenny Gmünder, Religionspädagogin in Baar und Organisatorin des Vormittags fest. Sie fordert die Erwachsenen im Umgang mit dem Smartphone einerseits zu Selbstdisziplin und andererseits zum bewussten Verzicht, zumindest zu bestimmten Zeiten, auf. Das Handy dürfe nicht die Hauptrolle spielen und die Menschen in ihrer Freiheit einschränken. Sie zeigt die schnelle Veränderung der letzten Jahrzehnte auf: Als das Telefon noch an einer Schnur hing, waren die Menschen frei, das Gespräch anzunehmen oder nicht. Heute ist das Telefon schnurlos, und der Mensch nicht mehr frei. Denn er starrt beinahe permanent darauf, auch in der Angst, etwas Wichtiges zu verpassen.
Phubbing als Beziehungskiller
Es ist heute Realität: Ein Elternteil stösst einen Kinderwagen, permanent im Gespräch mit jemandem anderen, verbunden über Kopfhörer.
Am Kinderwagen ist ein kleines Tablet montiert, das Kleinkind schaut einen Trickfilm. Gmünder: «Das habe ich schon gesehen.» Die Wissenschaft hat dafür einen Fachbegriff. «Phubbing» bezeichnet den unangemessenen Gebrauch eines Mobiltelefons in einer sozialen Situation. «Ich bin zwar physisch da, aber eigentlich interessierst du mich nicht wirklich.» Solche Verhaltensweisen würden von Kindern unbewusst aufgenommen und ihr späteres Verhalten prägen.
Chancengleichheit in der Schule
Einen anderen Aspekt betont Markus Brazerol, Prorektor Oberstufe der Schulen Baar. Er sieht den Einsatz digitaler Mittel als Lernunterstützung und als Beitrag zur Chancengleichheit. So wie die Schule früher allen ein Heft zur Verfügung gestellt hat, so seien es heute digitale Mittel. Angesprochen auf die gute finanzielle Lage der Gemeinde hält er aber auch fest: «Geld allein hat noch nie gute Bildung hervorgebracht.» Wichtig seien die Kompetenzen und die Eigenständigkeit der Schülerinnen und Schüler sowie die Anleitung und Reflexion.
In ihrem Ausblick verwies Gmünder auf das verantwortliche Handeln, das sie in vier Punkten zusammenfasst: Vorbild sein, Coach sein, Sparring-Partner sein und Grenzen setzen. Es sind allgemeine Grundsätze der Erziehung, die aufgrund der Digitalisierung an Bedeutung noch gewonnen haben.
KI hat keine Verantwortung
Grundlegende Überlegungen zur Digitalisierung macht Peter G. Kirchschläger, Professor für theologische Ethik der Universität Luzern. Die Künstliche Intelligenz KI falle nicht vom Himmel, sie sei menschengemacht. KI sei letztlich immer eine Maschine, die riesige Mengen an Daten in höchster Geschwindigkeit verarbeite und dadurch auch vieles im Leben erleichtern könne. Aber KI sei nie als KI verantwortlich und könne daher auch nie sanktioniert werden. Er macht dies an einem Beispiel klar: Ein Autofahrer verursacht einen Unfall, er wird dafür gemäss dem Strassenverkehrsgesetz bestraft. Ein selbstfahrendes Fahrzeug verursacht einen Verkehrsunfall; es mache wohl keinen Sinn, dieses Fahrzeug zu bestrafen, indem man es ein paar Tage vom Ladestecker nehme und damit ausser Betrieb setze. Verantwortlich bleibt für Kirchschläger immer der Mensch. In der rasant fortschreitenden Digitalisierung sieht er eine Gefahr darin, dass immer mehr Entscheidungen den Maschinen überlassen werden. Er gibt ein weiteres Beispiel aus der Medienwelt: Eine Mehrheit der Kinder und Jugendlichen würde heute Nachrichten der Plattform TikTok entnehmen, die eng mit der chinesischen Regierung verbunden ist. Seine Frage: Wie gefährlich ist es für unsere Demokratie, die Information einem staatsnahen chinesischen Konzern zu überlassen? Aus Sicht von Kirchschläger sollte die Kirche solche grundlegenden ethischen Fragen aufnehmen. Das ist auch die Intention der Baarer Religionspädagogin Gmünder. Sie sagt dazu: «Ich möchte einmal pro Jahr eine Weiterbildung zum Thema Digitalisierung in Baar organisieren.» Die Kirche soll am Puls der Zeit bleiben.