Wenn die Strasse zum gemeinsamen Lebensraum wird
08.04.2026 RathauspostFast jeder kennt das blaue Schild mit den stilisierten Figuren, dem Auto, dem Haus sowie dem Tempo- 20-Schild, das eine Begegnungszone markiert. Dahinter steckt mehr als eine Geschwindigkeitsbegrenzung.
Die Begegnungszone auf dem Bahnhofplatz kennt wohl jede und jeder in Baar. Zum Zeitpunkt ihrer Einführung hat sie für Aufsehen gesorgt. Heute ist sie Normalität. Eine Normalität, die mehr als Tempo 20 und erhöhte Vorsicht beinhaltet. Die Begegnungszone ist ein innovativer Ansatz, um die Attraktivität und Sicherheit im städtischen Raum gezielt zu steigern. Es handelt sich dabei um einen bewusst gestalteten Strassenabschnitt, in dem das Miteinander von Fussgängerinnen und Fussgängern sowie Fahrzeugen neu definiert wird.
Für das sichere Funktionieren einer Begegnungszone sind die Verhaltensregeln von grösster Bedeutung. Hier gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme. Die Strasse wird von einem reinen Verkehrsraum zu einem geteilten Lebensraum, in dem der motorisierte Verkehr zu Gast ist. Dieses fundamental veränderte Kräfteverhältnis wird durch klare Regeln definiert:
– Fussgängervortritt: Fussgängerinnen und Fussgänger dürfen die gesamte Verkehrsfläche nutzen und haben Vortritt.
– Höchstgeschwindigkeit 20 Stundenkilometer: Das strikte Tempolimit ist der zentrale Sicherheitsfaktor. Es entschleunigt den Verkehr, erzwingt eine erhöhte Aufmerksamkeit und schafft die Voraussetzung für ein sicheres Miteinander.
– Geregeltes Parkieren: Das Parkieren ist nur an den explizit signalisierten und markierten Stellen erlaubt. Diese Regelung ist entscheidend, um freie Sichtachsen für alle Verkehrsteilnehmenden zu gewährleisten und den Raum für Bewegung und Begegnung offenzuhalten.
Diese Regeln, insbesondere die Geschwindigkeitsreduktion, führen zu einem messbaren und signifikanten Sicherheitsgewinn.
Deutlich reduziertes Unfallrisiko
Der direkte Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit, Reaktionszeit und Unfallschwere ist empirisch belegt. Begegnungszonen nutzen diese physikalischen Gesetze gezielt, um das Unfallrisiko proaktiv zu minimieren. Die Geschwindigkeitsreduktion gibt allen Beteiligten die entscheidende Zeit, um Gefahren zu erkennen, zu reagieren und Kollisionen oft gänzlich zu vermeiden. Untersuchungen zeigen, dass das Sterberisiko für Fussgängerinnen und Fussgänger bei einer Kollision mit einem 50 Stundenkilometer schnellen Fahrzeug rund zehn Mal höher ist als bei einer Kollision mit einem 20 Stundenkilometer schnellen Fahrzeug. Der Anhalteweg bei Tempo 20 beträgt 13 Meter. Ein mit 30 Stundenkilometer fahrendes Auto würde bei einer normalen Reaktionszeit von zwei Sekunden an dieser Stelle erst den Bremsvorgang einleiten. Dies zeigt: Eine Begegnungszone wie am Bahnhof verhindert zwar Unfälle nicht gänzlich, sie reduziert aber deren Folgen deutlich. Die Vorteile einer Begegnungszone gehen aber weit über die reine Unfallverhütung hinaus. Begegnungszonen steigern die Lebensqualität, sie stärken den Fuss- und Veloverkehr und sie machen aus einer Strasse einen Aufenthalts- und Begegnungsraum.
Ein Gewinn für alle
Die Begegnungszone ist eine erwiesenermassen wirksame Massnahme, die nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern auch die Attraktivität von Quartieren, Bahnhöfen und Plätzen nachhaltig steigert und für die Läden und Restaurants gewinnbringend ist. Durch die Beruhigung des Verkehrs wird die Umweltqualität verbessert, Lärm reduziert und Raum für soziale Interaktionen geschaffen. Die Begegnungszone ist damit ein modernes und zukunftsweisendes Konzept für lebenswerte städtische Räume, in denen der Mensch und seine Bedürfnisse wieder im Mittelpunkt stehen.
Kristian Kovac und Dominic Braschler, Projektleiter Verkehrstechnik, Abteilung Sicherheit / Werkdienst

