Wenn es ans Sterben geht, ist Überforderung normal
01.07.2026 GesellschaftGeburtsvorbereitungskurse gibt es wie Sand am Meer. Doch wie bereitet man sich auf das zweite grosse Ereignis vor, das alle Menschen erfahren: den Tod? Ein Letzte-Hilfe-Kurs gibt konkrete Unterstützung.
ANNETTE KNÜSEL
Zwanzig Leute trafen sich am Samstag, 20. Juni im Mehrzweckraum des Pflegezentrums Baar. Der Kurs war ausgebucht. Die Motivation fürs Kommen war unterschiedlich: Manche Teilnehmer müssen gerade erleben, dass ein geliebter Mensch unheilbar krank ist und bald sterben wird. Andere pflegen einen Angehörigen und es ist absehbar, dass die Situation sich früher oder später verschlechtert. Wieder andere hatten keinen konkreten Anlass, sondern möchten einfach besser auf den Tod vorbereitet sein.
Begleitung, Gemeinschaft, Mitgefühl
«Man kann nie ganz vorbereitet sein. Vor dem Tod sind wir alle Laien», sagte Jörg Leutwyler aus Erfahrung. Er hat schon mehr als 150 Menschen und ihre Angehörigen beim Sterben begleitet. Leutwyler ist seit elf Jahren Spitalseelsorger sowohl am Zuger Kantonsspital als auch im Pflegezentrum Baar. Er leitete den Letzte-Hilfe-Kurs zusammen mit Irene Rimmel, langjährige Pflegefachfrau und Abteilungsleiterin Geriatrie 3 im Pflegezentrum. Gleich ein zweites, wuchtiges Statement setzte Leutwyler an den Anfang des Kurses: «Sterben ist ein spiritueller Prozess mit medizinischen Folgen», zitierte er, um darauf hinzuweisen, worum es heute – und auch ganz generell beim Sterben – geht: um die Begleitung eines individuellen Prozesses, um Gemeinschaft und Mitgefühl.
In einer Welt, in der wir alles planen und nach unseren Wünschen steuern, bleibt der Tod die unkontrollierbare Ausnahme. Die Organe versagen in einer bestimmten Reihenfolge, aber wie lange dies dauert, ist nicht vorhersehbar und bei jedem Menschen anders. Diese Ambivalenz auszuhalten, ist eine grosse Herausforderung für die Angehörigen. Rimmel erzählte von einem Schwerkranken in einem Spital, den sie privat besuchte. Er spürte, dass er fürs Sterben noch Zeit brauchte, fühlte sich aber unter Druck: «Ich habe keine Zeit zum Sterben.» Denn er bekam mit, wie seine Angehörigen auf dem Gang bei den Ärzten nachfragten, wie lange es denn noch dauern würde. Wäre es nicht besser, er könnte sich die Zeit nehmen, die es braucht?
Keine Regeln, aber Gemeinsamkeiten
Beim Sterben gibt es keine Regeln, aber Gemeinsamkeiten. Leutwyler und Rimmel erklärten einige Anzeichen, auf die die Angehörigen achten können, um orientiert zu sein. Es ist ein Prozess des sich Entfernens, erst sozial, dann körperlich: Oft lässt sich beobachten, dass das Interesse für die Mitmenschen und die Umwelt, auch für Essen und Trinken nachlässt. Man fragt nicht mehr nach den Enkelkindern. Wer täglich eine bestimmte Serie geschaut hat, lässt den Fernseher plötzlich aus. Beim Essen möchten man kein Fleisch mehr, sondern lieber eine Suppe. Mit der Zeit kann grosse Schwäche und Müdigkeit aufkommen, sogar Bettlägerigkeit.
Auch das Bewusstsein verändert sich. Zunehmend kann es zu Verwirrung kommen, Angst vor Dunkelheit. Der Mensch reagiert immer weniger auf Ansprache, benötigt mehr Schlaf. Berührungen können schmerzhaft werden oder einfach nicht mehr passen. Hände und Füsse können kalt werden. Atmung und Herzkreislauf verändern sich. Gerade die veränderte Atmung – es gibt verschiedene Muster, die auftreten können – kann den Angehörigen Angst machen. Rimmel rät, in diesem Fall das Gesicht des Sterbenden genau zu beobachten: Gibt es dort Anzeichen von Stress, Angst, Schmerz? Wenn ja, kann eine Unterstützung mit Medikamenten sinnvoll sein, aber sonst nicht! Einfach dabeibleiben und der Natur ihren Lauf lassen, wäre dann am hilfreichsten.
Körperliche Prozesse geben den Takt vor
Und wie ist das Sterben mit Demenz? Ein Demenzkranker, so erläuterte Leutwyler, hat zwar die Kognition verloren, nicht aber seine Wahrnehmung. Diese wird im Sterbeprozess schwächer und verschwindet am Ende ganz – egal ob mit oder ohne Demenz. Deshalb ist in beiden Fällen von enormer Bedeutung für den Sterbenden, dass seine Mitmenschen wohlwollend mit ihm in Kontakt sind.
Letztlich sind die körperlichen Prozesse entscheidend, nicht die Wünsche und Absichten des Sterbenden oder seiner Angehörigen. «Unser Körper bestimmt, wann wir gehen dürfen», hielt Leutwyler fest. Und das ist vielleicht die grösste Überforderung beim Sterben: zu akzeptieren, dass die Natur stärker ist als unser Wille.

