Zwischen Leben und Abschied: Was ist Palliative Care?

  25.03.2026 Gesellschaft

Ein Vortrag informierte vergangene Woche über Möglichkeiten der Sterbebegleitung bzw. über «Palliative Care»: Was ist der Unterschied zur übrigen Medizin? Wann ist sie sinnvoll? An wen kann man sich wenden?

ANNETTE KNÜSEL

Die Informationsveranstaltung im Pflegezentrum war ein Gemeinschaftsprojekt der Informationsstelle für Altersfragen falter, der Viviva Baar und des Pflegezentrums Baar. Als Referent eingeladen war Dr. med. Roland Kunz, gemäss dem Portal medinside.ch «der bekannteste Palliativmediziner im Land». Daneben informierten zahlreiche Organisationen über ihre Angebote: unter anderem das Hospiz Zug, das Spital Affoltern, der Verein Alzheimer Zug, die Krebsliga Schweiz, die Pro Senectute, der Verein Palliativ Zug, die Letzte-Hilfe-Kurse und die Spitex Kanton Zug.

Wann haben Sie zuletzt über Ihr Lebensende nachgedacht?
Kunz informierte in seinem Vortrag über Ziele und Möglichkeiten der Palliative Care, ging aber auch auf andere, mit dem Sterben verbundene Themen ein. Eine seiner Kernaussagen war: Wir alle wollen heute Selbstbestimmung bis zuletzt, also auch beim Sterben. Doch wenn es tatsächlich so weit ist, erweist sich dieser Wunsch nach Selbstbestimmung oft als grosse Überforderung – für den Sterbenden selbst, für die Angehörigen und die behandelnden Ärztinnen und Pfleger.

Zur Erklärung führte Kunz aus, wie sich unser Verhältnis zum Sterben im Laufe der Zeit verändert hat. Früher war der Tod ein Schicksal, das man passiv hinnehmen musste. Aber die heutige Medizin kann bei fast jeder neuen Diagnose etwas tun. Das führt dazu, dass es eine aktive Entscheidung braucht, damit jemand sterben kann. Eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigte, dass 70 Prozent der Todesfälle in der Schweiz nicht unerwartet kommen. Und von diesen erwarteten Todesfällen ging bei 80 Prozent eine bewusste Entscheidung voraus. «Das Lebensende kommt heute nicht mehr plötzlich (…), sondern als Folge von Entscheidungen», zitierte Kunz den Autor der Studie, Georg Bosshard.

Wunsch nach Selbstbestimmung führt zu Überforderung
Entsprechend laut ist der Ruf nach assistiertem Suizid. Aber in der Praxis zeige sich, so Kunz: Je mehr die Beschwerden zunehmen, umso zögerlicher werden die Menschen bei der Frage, ob der Zeitpunkt des Todes tatsächlich schon da ist. Und das Zögern fängt schon viel früher an. Eine Bevölkerungsbefragung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zeigt, dass 80 Prozent der Befragten über ihr Lebensende nachdenken. Doch nur 16 Prozent haben eine Patientenverfügung, nur acht Prozent reden mit einer Fachperson darüber.

Wenn es ans Sterben geht, sind die meisten Menschen sehr ambivalent: Theoretisch ist alles klar. Doch man zögert, auch entsprechend zu handeln.

Hier setzt die Palliative Care an. Kunz erklärte: «Die selbstbestimmte Entscheidung beginnt lange vor dem Ende.» Immer wieder brauche es neue Entscheidungen: Soll ich das neue Herzgeräusch, die Bewegungseinschränkung, den Rückenschmerz abklären lassen? Oder akzeptiere ich sie als Alterszipperlein? Was bedeutet für mich Lebensqualität? Was ist mir wichtig, wenn ich gesundheitliche Einschränkungen nicht mehr ändern kann? Der Tod ist nicht wie ein Schalter, der an- oder abgestellt werden kann, sondern vollzieht sich in vielen kleinen Schritten. Diesen Weg mit Lebensqualität zu säumen, ist Anliegen der Palliative Care.

Eine Haltung, eine Kompetenz und ein Versorgungskonzept
Palliative Care sei, so Kunz: eine Haltung, eine Fachkompetenz und ein Versorgungskonzept. Als Haltung akzeptiert sie die Endlichkeit und Vergänglichkeit. Palliative Care will ein gutes Leben trotz Krankheit ermöglichen und ein gutes Sterben. Palliative Fachkompetenz hilft dem Sterbenden und seinem Umfeld bei der medizinischen Symptomlinderung, aber auch bei Kommunikation, Entscheidungsfindung und Vorausplanung. Das palliative Versorgungskonzept arbeitet fachübergreifend, denn das Leiden am Ende des Lebens sei nicht nur körperlich, betonte Kunz. Auch die Seele leidet, es können soziale Schwierigkeiten auftreten und tiefgreifende spirituelle Fragen. Deshalb brauche es Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen. «Medikamente allein sind nicht zielführend», hielt Kunz fest.

Der Vortrag forderte dazu heraus, sich den eigenen Fragen rund um den letzten Lebensabschnitt zu stellen und einige Gewissheiten über die eigene Zukunft zu hinterfragen. Beim anschliessenden Apéro gab es Gelegenheit, sich darüber auszutauschen.


Palliative Care

Der englische Begriff «palliative» leitet sich von Lateinisch «pallium» (Mantel) ab. Wörtlich übersetzt bedeutet er «ummantelnd». Gemeint ist damit, dass die Beschwerden einer Krankheit behandelt werden – also die Schmerzen, und nicht deren Ursachen (Quelle: www.wortbedeutung.info). Und «care» ist Englisch und bedeutet «Umsorgen, Pflege».


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote