Familien- und Berufstradition bleiben erhalten
20.05.2026 Musik/KulturEs ist wohl das kleinste Museum der Gemeinde – die Obermühle der Familie Hotz. Am Schweizer Mühlentag hatte sie am letzten Samstag wieder ihre Türen geöffnet.
FRANZ LUSTENBERGER
Eine unscheinbare Türe im hinteren Teil des grossen Areals führt zum kleinen Museum mit der senkrecht in die Höhe ragenden Mühlenanlage, die mit ihrer rubinroten Farbe den Raum dominiert. Walter Hotz in seiner weissen Vorstandjacke der Zunft und Bruderschaft der Müller, Bäcker und Zuckerbäcker der Stadt Zug, erläutert den Besucherinnen und Besuchern die Funktionsweise der Anlage, die sich über vier Stockwerke erstreckt. Zuoberst wies er die Aufschüttung, für das Getreide, «Iron Stock» titer die Steinmühle, das eigentliche Mahlwerk; weiter unten dann das Schleudersieb, in dem das feine Mehl vom Schrot getrennt wird; und ganz unten dann die Absackung. Hotz, der Vertreter der sechsten Generation, hat das Museum mit den alten Maschinen selber gebaut und instand gestellt: «Ich will unsere Familientradition darstellen und der Nachwelt erhalten.» Nicht nur mit Texttafeln und historischen Fotos, sondern auch mit einer Anlage, die aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts stammt.
Brot ist mehr als ein gewöhnliches Nahrungsmittel, es ist Teil der Kulturgeschichte. Beim Kauf denken die wenigsten Menschen ans Getreide, an die Arbeit der Bauern auf dem Feld oder die Verarbeitung zu Mehl in den Mühlen. Es ist Hotz wichtig, dass nicht nur Maschinen zu sehen sind, sondern dass auch verschiedenste Getreidesorten gezeigt werden, welche über Jahrhunderte die Basis für die Ernährung bildeten und weltweit noch immer bilden.
Älter als die Eidgenossenschaft
Im Jahre 1239, also noch vor der Gründung der Eidgenossenschaft, gelangte die Obermühle in Baar im Rahmen eines Tauschgeschäftes zwischen dem Kloster Einsiedeln und Kappel in den Besitz des Klosters Kappel. Nach der Reformation trat der Rat der Stadt Zürich in die Besitzrechte ein und liess die Mühle von Lehensherren betreiben und verwalten. Erst im Jahre 1650 begann die eigentliche «Baarer» Ära der Obermühle, nämlich mit Jakob Andermatt, dem Landvogt und Landschäckelmeister. Das Geschlecht der Andermatten war aber stärker an Politik und Militär und weniger am Müllergewerbe interessiert. 1812 erwarb Oswald Anton Hotz die Obermühle und begründete damit die Geschichte der Obermühle-Hotzen.
Wechselvolle Geschichte
Die Mühle erlebte viele Ausbau-schritte. Ein markanter Ausbau erfolgte nach einem Brand im Jahre 1872. Aus dieser Zeit stammen die heute unter Denkmalschutz stehenden Wohnhäuser, welche die Zufahrt ab der Langgasse säumen. Dominierend sind die Betonsilos; das höchste ragt 13 Meter in den Baarer Himmel. «Die Obermühle hatte zu ihren besten Zeiten eine Verarbeitungsleistung von über 50 Tonnen Getreide pro Tag», weiss Hotz zu berichten.
Doch der Konzentrationsprozess in der Branche brachte auch für die Obermühle Baar grosse Veränderungen mit sich. Im Rahmen einer Mehrheitsbeteiligung an der Mühle Steiner & Wehrli wurde die Mehlproduktion nach Malters verlegt und die Mühle in Baar Ende 1998 stillgelegt.
Neue Nutzung in geschichtsträchtigen Hüllen
Tradition und Innovation gehören für die Familie Hotz seit ihren Einstieg ins Müllergeschäft eng zusammen. So war es für die Besitzerfamilie klar, dass sie die Silos einer neuen Nutzung zuführen, unterstützt von der kantonalen Denkmalpflege: «Zielsetzung war die Entwicklung des Mühle-Ensembles als markantes und prägendes Objekt und dessen Erhaltung als ein im Zuge der Industrialisierung historisch gewachsenes Bauwerk. Es war mein Anliegen und das der ganzen Familie, Geschichtsträchtiges und moderne Architektur zu verbinden», sagte Hotz. Die Tradition lebt im kleinen Museum weiter. Hotz hat alles selbst gemacht, die Maschinen revidiert und die Ausstellung gestaltet. Die Absicht: Die Tradition soll für kommende Generationen sichtbar bleiben. Das passt es perfekt, dass gleich neben dem Museum ein Kindergarten sein Daheim hat.



