Altes Handwerk in Zeiten der Massenproduktion
04.11.2026 WirtschaftEs gibt Lehrberufe, die kennt jeder: Kaufmann, Fachperson Gesundheit, Informatiker, Schreiner. Und es gibt Vergolder/ Einrahmer. Nur zwei Lehrstellen waren in 2025 in der ganzen Schweiz ausgeschrieben, 2026 gar keine.
ANNETTE KNÜSEL
Was tun, wenn man ein Bild geerbt hat, und der Rahmen ist defekt? Wenn sich bei Coop, Migros, Temu & Co. kein passender Ersatz finden lässt, weil Bild und Rahmen auch künftig genau so aussehen sollen, wie man sie jahrzehntelang in der Wohnung des geliebten Verstorbenen gesehen hat? In einem solchen Fall geht man zum Spezialisten, einem Einrahmer. Dort kennt man die Situation gut.
Vera Müller steht im Verkaufsraum des Geschäfts, das sie zusammen mit ihrem Bruder Erich führt, und beschreibt eine alltägliche Herausforderung: «Diese Kunden beraten wir im Geschäft. Die Beratung ist ein wichtiger Bestandteil für eine gute Einrahmung, unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten.»
Einen Bilderrahmen per Hand anfertigen zu lassen – das klingt altmodisch. Schliesslich kann man fast überall für wenig Geld Rahmen in allen Grössen und Farben kaufen. Doch nicht immer findet man tatsächlich etwas Passendes. Ausserdem haben günstige, industriell gefertigte Rahmen einen grossen Nachteil: Sie sind zum Teil aus Plastik mit Kunststoffscheiben, die Rückwände mit säurehaltigen Materialien, oft verleimt mit ungeeigneten Klebern. Diese Materialien dünsten kleine Mengen Schadstoffe aus, welche die Farben der Bilder über Jahre verblassen lassen und unwiederbringlich schädigen.
Individuelle Lösungen im Vordergrund
Erich und Vera Müller führen das Geschäft, das ihr Vater gegründet hat. Vera hat eine Ausbildung als Handbuchbinderin kombiniert mit Rahmen, Erich ist gelernter Einrahmer / Rahmenvergolder. In ihrem Lager, dem grössten seiner Art im Kanton Zug, lagern sie unzählig viele Holzprofile, alle drei Meter lang. Sie sind sortiert nach Holzart, Farbe, Form. Das sind die Leisten, aus denen sie individuelle Rahmen für Bilder und Objekte herstellen.
Einrahmer/Vergolder und Handbuchbinder gehören zu einer langen Reihe heute eher unbekannter Berufe: den Glasmalern, Drechslern, Küferern, Korb- und Flechtwerkgestaltern und Geigenbauern. Gemeinsam ist diesen Berufen, dass die Nachfrage nach ihren Leistungen durch die industrielle Massenware stark zurückgegangen ist. Aber für hochwertige Einzelproduktionen, die Erhaltung historischer Objekte und langlebige, reparierbare Güter sind sie unabdingbar. Es sind Spezialisten, die das hochhalten, was heute in aller Munde ist: Nachhaltigkeit, Ästhetik, Individualität. «Müller Rahmen» in der Zugerstrasse ist gut etabliert und feiert im kommenden Jahr das 40. Jubiläum. Stammkunden kommen von nah und fern, und es gibt viele Gelegenheitskunden. Schaut man die gesamte Branche an, lässt sich beobachten, dass es immer weniger eigenständige Einrahmer gibt. Die Website des Schweizerischen Verbands Bild und Rahmen führt gerade mal 32 Betriebe in der gesamten Schweiz auf. Oft sind das Einzelfirmen mit ein oder zwei Personen, sagen die Müllers.
Einrahmer/Buchbinder ist ein anerkannter Lehrberuf. Die Ausbildung dauert vier Jahre mit einem Tag Berufsschule pro Woche. Doch Lehrstellen sind mehr als knapp: Gemäss der interaktiven Datenbank des Bundesamts für Statistik (BFS) wurden in den Jahren 2021 bis 2025 nur neun junge Berufsleute ausgebildet. Zwei davon im 2025, heuer keine.
Handwerkliches Geschick und Kreativität
Einrahmer schneiden die Leisten exakt auf Mass zu, verleimen sie miteinander zu einem Rahmen, fixieren die geleimten Stellen mit geeigneten Hilfsmitteln, schleifen, grundieren und färben je nach Kundenwunsch. Die Platte für die Rückwand und das Glas müssen zugeschnitten werden, schliesslich wird der Bildträger sorgfältig eingerahmt. Leim und Kreidegrund stellen die Betriebe traditionell selbst her. Der beste Leim wird aus Haut und Knochen von Hasen hergestellt, dazu Gelatine und ein paar weitere Zutaten. Da hat jeder sein Geheimrezept. «Wir bieten diese Variante so nicht an», erklärt Erich.
Abwechslungsreich ist der Arbeitsalltag dennoch. Oft genug braucht es ganz neue Lösungen, denn es stellen sich immer wieder andere Herausforderungen. Vera und Erich zeigen ein ganzes Buch mit Fotos ihrer Arbeiten. Zum Beispiel die kostbaren emaillierten Kaffeelöffel. Sie sollten luftig auf der Rückwand angeordnet werden – doch wie befestigen, ohne dass sie beschädigt werden? Oder die Medaillensammlung. Hier wurden die unterschiedlichen Trophäen so montiert, dass sich ein einheitliches Bild ergab, obwohl jede eine andere Dicke und Grösse hat.
«Mit unserer Arbeit möchten wir etwas Optimales schaffen, was lange Freude macht», sagen die jungen Berufsleute. Bild und Rahmen als harmonische Einheit, die das Auge erfreut und langfristig werthaltig bleibt. Sozusagen das Gegenteil von Temu.


