Baar und die geopolitische Zeit

  20.05.2026 Wirtschaft

Die Gemeinden Baar, Steinhausen und die Stadt Zug organisierten den achten gemeinsamen Wirtschaftslunch. Als Referenten konnte dazu der ehemalige Schweizer Botschafter, Unternehmensberater und sexperte Dr. Thomas Borer begrüsst werden.

ERNST BÜRGE

Dieser Mittag bot wiederum Gelegenheit, neue Kontakte innerhalb Unternehmen, Politik und Wirtschaft zu knüpfen und das Netzwerk zu pflegen. Gemeinderat Mark Gustafson begrüsste zusammen mit der Steinhauser Gemeinderätin Andrea Keller-Cathry und dem Zuger Stadtpräsidenten André Wicki eine grosse Gästeschar im Gemeindesaal Baar, darunter auch Regierungsrat Andreas Hausheer. Dabei stellt er Thomas Borer eine Frage: «Was liegt vor uns?»

Blick nach vorn
Das war auch für den Referenten eine schwierige Aufgabe. Er stellte seine Antwort unter das Motto «Geopolitische Änderungen und ihre Auswirkungen auf die Schweiz». Dazu schlug Borer mit teils recht kritischen Bemerkungen einen grossen Bogen von der derzeitigen Situation in den USA, Russland, China, Europa bis zu den Auswirkungen auf unser Land. Auch er weiss nicht, wie der amerikanische Präsident denkt und handelt. Für eine historische Analogie eigne sich der Erste Weltkrieg besser als der Kalte Krieg in den 50erJahren, da man damals kaum gewusst habe, was die ehemaligen Grossmächte vorhatten.

Die USA heute
Für Präsident Trump ist die Aufmerksamkeit auf ihn wichtiger als die Substanz. Trotz akzeptabler Wirtschaftslage sei heute für den Mann auf der Strasse die Situation schwierig und die Zustimmung zu Trump sehr tief. Und wie der Irankrieg weitergehe, sei noch nicht klar. Borer vermutet, dass der Konflikt irgendwie eingefroren werde. Der Prä- sident sei in seinem Handeln immer noch ein Immobilienunternehmer. Bündnisse seien keine Wertegemeinschaften und internationale Institutionen keine Pfeiler. Damit habe er Allianzen verändert und eine Erosion der Stabilität verursacht.

Was geschieht in Russland?
In Russland strebe Präsident Wladimir Putin die Grösse der ehemaligen Sowjetunion an. Er sehne sich nach einer Welt ohne Regeln. Kurzfristig profitiere das Land von der Lockerung einzelner Sanktionen, doch mittel- und langfristig stünden immense Herausforderungen bevor. Die Wirtschaft habe sich in den letzten Jahrzehnten nicht nennenswert entwickelt. Dazu schade der Ukrainekrieg zusätzlich und koste zudem viele Menschenleben. Aussenpolitisch vermöge Putin kaum seine Verbündeten zu überzeugen, auch wenner wieder eine starke Rolle spielen wolle.

In China ist der Fortschritt beachtlich
Dennoch stiegen im Innern des Landes die Spannungen. Denn demografische und wirtschaftliche Probleme bahnten sich im Lande an. Zudem verärgere China den Westen, weil es Russland unterstütze. Durch billige Exporte solle die Wirtschaft stabilisiert werden. China war schon immer ein diktatorisch regierter Staat. Diktaturen seien allerdings nicht vorhersehbar, denn sie seien nicht stabil.

Die EU, eine Verliererin?
Geopolitisch habe Europa aktuell viele Probleme. Dabei sollte es weiterhin eine Kooperation USA-Europa geben. Doch wie in einer Ehe sei auch hier nicht immer Flitterwochen. Die politische Lähmung in Frankreich, Grossbritannien und Deutschland bringe zusätzliche Schwierigkeiten. Nach Borers Ansicht sind Lösungen möglich. Dies bedinge jedoch eine Dezentralisierung, einen Abbau der Bürokratie und noch weitere Massnahmen.

Künstliche Intelligenz ist eine Querschnittsideologie
Geopolitisch habe Europa aktuell viele Probleme. Dabei sollte es weiterhin eine Kooperation USA-Europa geben. Doch wie in einer Ehe sei auch hier nicht immer Flitterwochen. Die politische Lähmung in Frankreich, Grossbritannien und Deutschland bringe zusätzliche Schwierigkeiten. Nach Borers Ansicht sind Lösungen möglich. Dies bedinge jedoch eine Dezentralisierung, einen Abbau der Bürokratie und noch weitere Massnahmen.

Wo steht die Schweiz?
Der Föderalismus, die direkte Demokratie, Schaffenskraft, Milizsystem, Innovationskraft wie auch die Universitäten hülfen mit, dass die Schweiz in der Welt gut dastehe. Borer schlug dazu einige Imperative vor: Der Freihandel sei entschieden zu verteidigen, die Handelspartner zu diversifizieren, zu EU und USA gute Beziehungen mit klarem Blick auf Dynamik zu pflegen. Auch die inländischen Rahmenbedingungen seien zu verbessern, Entbürokratisierung sei erforderlich, der Staatshaushalt im Griff zu behalten und die Stärken sollten strategisch genutzt werden.
Sein Rat an die Unternehmer: «Derjenige, der sich am Besten den Gegebenheiten anpasst, der überlebt. Dazu zählt viel Schweiss und Arbeit.» Die Weltlage sei zu beobachten. Krisenpläne sollten im Team geübt werden. Abhängigkeiten seien durch verschiedene Absatzkanäle zu begrenzen, und zum Kunden sei eine geografische Nähe aufzubauen. Klar seien auch stets Innovationen in die Technologie, ins Know-how und in die Logistik zu tätigen.
Seine spannenden Ausführungen schloss Thomas Borer mit einem Satz aus dem 17. Jahrhundert: Die Serenissima (Regierung) von Venedig verlangte von ihrem Gesandten in der Schweiz eine Einschätzung dieses Landes. Die lateinische Antwort, auf Deutsch übersetzt, lautete: «Die Schweizerische Eidgenossenschaft wird durch die Verwirrung der Menschen, das Chaos der Schweizer und die Vorsehung Gottes regiert – und über Wasser gehalten.»
Mit grossem Applaus dankten alle Anwesenden für diese äusserst interessante Stunde. Mit einem Baarer Erzeugnis – einem Baarer Bierbrand – unterstrich Mark Gustafson diesen Dank und lud alle ein, noch beim abschliessenden Apéro zu verweilen und diskutieren.
Einige Eindrücke verschiedener Gäste konnten bei den Gesprächen noch aufgeschnappt werden. Josef Huwiler fand den Vortrag spannend mit klaren Aussagen, wobei auch andere Meinungen möglich seien. Zudem erweitere dieser Lunch das Netzwerk und vergrössere den Bekanntenkreis. Peter Schmid hörte heraus: «Wir als Unternehmer müssen unseren Zielen treu bleiben.»
Auch andere Stimmen tönten ähnlich, Netzwerke könnten erweitert werden, die Schweiz solle weiter auf ihrem Weg sein. Mehrmals wurde auch das Referat gelobt, es sei spannend gewesen. Und Borer live zu erleben, war ebenfalls beeindruckend.


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