Das Kleine gross und das Vergessene sichtbar machen
25.03.2026 Musik/KulturAm Freitag wurde die Kulturschaffende Maria Greco in der Galvanik mit dem Zuger Anerkennungspreis 2025 geehrt.
DANIELA GERER
Wer in Baar oder Zug regelmässig kulturelle Veranstaltungen besucht, begegnet früher oder später Maria Greco. Seit den späten 1990er Jahren wirkt die Baarerin abseits der grossen Bühnen: als Theatermacherin, die ein dunkles Kapitel der Zuger Geschichte erhellt; als sonore Erzählerin regionaler Sagen und Chronistin starker Frauen in Baar; als Organisatorin der ältesten offenen Bühne der Schweiz («Schräger Mittwoch»); als Initiatorin des Vereins KunstKiosk. Mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn stellt sie sich beharrlich auf die Seite der Übersehenen und Unbequemen und schafft damit Platz für eine Kultur, die es in dieser Form sonst nicht gäbe im Kanton. Nun hat sie dafür auch offizielle Anerkennung erhalten.
Greco als Integrationsfigur der Zuger Kultur
Zur feierlichen Preisübergabe in der Galvanik hatten sich am vergangenen Freitag rund hundert geladene Gäste versammelt: neben Freunden, Familie und Kulturakteuren auch Kantonsratspräsident Stefan Moos, Regierungsrat Stephan Schleiss, Nationalrätin Manuela Weichelt, Kantonsrat Andreas Lustenberger. Der Kulturbeauftragte Aldo Caviezel führte durch den Abend. Diesen eröffnete musikalisch «Die Rote Zora», ein unangepasst-aufmüpfiges Damen-Trio, dessen sphärische Jodelkompositionen einen beinahe hypnotischen Eindruck hinterliessen.
Es folgte die Würdigung von Grecos Schaffen durch Kulturdirektor Schleiss, der sie als «Integrationsfigur» charakterisierte, die «Publikum und Kunstschaffende zusammenbringt» und dazu beitrage, «die kulturellen Wurzeln des Kantons Zug lebendig zu behalten und sichtbar zu machen».
Gerade dieses Sichtbarmachen ist Greco ein zentrales Anliegen. So hat sie das Sagengut der Region in Bühnenerzählungen, auf Spaziergängen und in einem erfolgreichen Mundartbuch vor dem Vergessen bewahrt. Darüber hinaus hat sie die Theatertour «Unschuldig schuldig» konzipiert, die den Spuren des letzten grossen Zuger Hexenprozesses von 1737 folgt. Während eines eher zufälligen Besuchs eines Berliner Vororts war sie vor einigen Jahren auf eine würdige Gedenkstätte für die Opfer der dortigen Hexenverfolgung gestossen. Dass der Kanton Zug, mit einem der umfangreichsten Hexenprozess-Protokolle Europas im Archiv, bis heute ohne Vergleichbares da steht, lässt sie seither nicht los.
Ein Knoten im Taschentuch als Erinnerungshilfe
Wer den Laudator Severin Hofer, selbst Erzähler und langjähriger Weggefährte Grecos, kennt, ahnte in diesem Kontext, dass seine Rede Überraschungen bereithalten würde. Anhand von sieben Stationen zeichnete er ein Leben nach, das in keine Schublade passt.
Hofer schilderte, wie dank Greco ein kleines türkises Häuschen per Kran vor dem Abriss gerettet und zum Ausgangspunkt für den Baarer KunstKiosk mit über 60 Ausstellungen und 40 Veranstaltungen während elf Jahren wurde. Er berichtete von Grecos Zuger Atelierstipendium für Berlin und davon, wie sie sich bei der Rückkehr mit über 40 Struwwelpeter-Ausgaben im Gepäck einen Hexenschuss zuzog.
Zum Schluss erzählte der Laudator von einem Mittagessen im vergangenen Sommer, zu dem Greco vom Regierungsrat eingeladen worden war. Sie hatte angenommen, es gehe ums Hexendenkmal. Es ging um den Zuger Anerkennungspreis. Ihre Überraschung und Freude über die Würdigung waren aufrichtig, aber an ihrem Wunsch nach einem angemessenen Denkmal hat das freilich nichts geändert.
Den ganzen Abend über hatte am Bühnenrand, ominös unter einem Tuch verborgen, eine mannshohe Form gewartet. Als Hofer sie schliesslich enthüllte, kam eine massive Holzstele von Daniel Züsli zum Vorschein. In das obere Ende hatte dieser einen täuschend echten Taschentuch-Knoten geschnitzt, eine freundliche, doch unmissverständliche Mahnung, das Anliegen für ein würdiges Denkmal nicht in den Aktenschränken verschwinden zu lassen. Hofer kündigte an, die kaum bewegbare Stele demnächst persönlich ins Büro des Kulturdirektors zu liefern. Schleiss schien die grossformatige Erinnerungshilfe mit Humor zu nehmen.
Guggenmusik, Apéro riche und eine auffällige Abwesenheit
Nach der Urkundenübergabe ergriff die sichtlich bewegte Preisträgerin das Wort: «Neben dem arrivierten Kulturangebot sind die kleinen, unkonventionellen Orte, wo Kultur gemacht wird, ebenfalls ganz wichtig.» Sie dankte ihrer Familie, langjährigen Gefährtinnen wie Brigitte Andermatt und Brigitte Moser sowie allen, die den «Schrägen Mittwoch» seit 25 Jahren prägen.
Was viele nicht wissen: Greco spielt seit über vierzig Jahren bei der Guggenformation «Los Vas», mittlerweile an der Posaune. Die bunte Band bekundete zum Abschluss des offiziellen Teils ihren Stolz auf ihr Mitglied mit mehreren Ständchen, darunter «Proud Mary» und «Lasciate mi cantare» – eine Hommage an Grecos italienische Wurzeln.
Beim anschliessenden Apéro riche fiel manchen auf, dass kein politischer Vertreter der Gemeinde Baar erschienen war. Für eine Frau, die seit Jahren vergessene Menschen aus dem Schatten holt, hatte das eine gewisse Ironie.
Die Anwesenden indessen liessen die Preisträgerin hochleben. In Zeiten, in denen Kulturgelder trotz gefüllter Staatskassen knapper werden, ist Greco für viele eine wichtige ideelle Stütze: eine Mäzenin, die nicht grosse Schecks ausstellt, aber Räume schafft, Vertrauen gibt und dazu ermutigt, das Unbequeme auszuhalten. Eine Grande Dame der Haltung.

