Bekanntes und Unbekanntes neu entdecken
23.09.2026 Musik/KulturAlle Jahre im September finden die Europäischen Tage des Denkmals statt. Das zuständige Amt für Denkmalpflege und Archäologie hat den kantonalen Schwerpunkt in diesem Jahr auf Baar gelegt. Viele Interessierte haben die Chance genutzt, ihr Dorf neu zu entdecken.
FRANZ LUSTENBERGER
Baumeister Franz Hotz – diesen Namen kennen wohl die wenigsten Baarerinnen und Baarer. Ebenso unbekannt sind die vielen Wohnhäuser, die der Unternehmer in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erbaut hatte. Viele davon befinden sich an der Albisstrasse, nördlich der Geleise. Mit der Eisenbahn und der Industrialisierung setzte in Baar eine rasante Entwicklung ein. Wo früher nur Kirschbäume blühten, entstanden Häuser mit mehreren Wohnungen. Katrin Koyro, wissenschaftliche Mitarbeiterin, führte das interessierte Publikum durchs Quartier und blickte auch in die Zeit vor hundert Jahren zurück: «Handwerklich ausgebildete Baumeister prägten die Entwicklung von Baar.» Sie schufen konkrete Lösungen für die damalige Wohnungsnot – so etwa gleiche Doppelhäuser wie an der Gartenstrasse. Und dies sehr kostengünstig, denn die Baaer Baumeister liessen sich von Kataloghäusern aus den USA inspirieren.
Kein Architektur-Schnick-Schnack, sondern funktionale Gebäude, die Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts mit einem Eigenkapital von rund 5’000 Franken erworben werden konnten. Und das samt einem kleinen Garten für die Anpflanzung von eigenem Gemüse, Beeren und Obst. Viele Bewohnerinnen und Bewohner von damals trafen sich nicht nur auf der Strasse, sondern – so Koyro während des Rundgangs – auch in Vereinen und Gruppen. Die Albisstrasse sei ein Beispiel für die «angestrebte soziale Durchmischung in einem Quartier».
Geschichte hinter den Fassaden
Das Beispiel der Wohngebäude zeigt, dass nicht nur die Architektur von Bedeutung sei, sondern auch das soziale Zusammenleben. Regierungsrat Andreas Hostettler, als Direktor des Inneren zuständig für die Denkmalpflege, sprach von den «Geschichten hinter den Fassaden». Diese Geschichten können aber nur lebendig bleiben, wenn die Gebäude auch erhalten bleiben. Je mehr sich ein Ort verändere, umso wichtiger sei der Erhalt von einzelnen Bauwerken. Landammann Hostettler sprach in diesem Zusammenhang von «Ankern für die Identität».
Ins gleiche Horn blies auch Karin Artho, Leiterin des Amtes, die auf die Qualität der versteckten Ecken und Quartiere in der Gemeinde aufmerksam machte. Der Ausruf «Scho no schaad» nach dem Abbruch eines Gebäues komme zu spät. Daher brauche es die aufmerksamen Augen der Denkmalpflege, die Veränderungen und Planungen eng begleite und auch neuen Nutzungen offen gegenüberstehe. Denn: «Eine Nutzung ist Voraussetzung fürs Überleben.» Dieses Spannungsfeld sprach auch Gemeinderat Zari Dzaferi an – auf der einen Seite gehe es um die bauliche Entwicklung der Gemeinde, auf der anderen Seite um den Erhalt der Identität.
Projekt Leihgasse 15a
Aktuelles Beispiel für dieses Spannungsfeld ist das Wohnhaus Leihgasse 15a und seine Umgebung. Das denkmalgeschützte Wohnhaus war auch Thema an der Gemeindeversammlung, just zwei Tage vor dem Tag des Denkmals. Amtsleiterin Artho äusserte sich im Rahmen des Apéros grundsätzlich zur Thematik: «Baudenkmäler verbinden Vergangenheit und Gegenwart. Sie schaffen Identität und tragen wesentlich zur Qualität unserer gebauten Umwelt bei.»
Schätze im Boden
Noch unentdeckt sind viele Gegenstände, die seit Jahrhunderten im Baarer Boden lagern. Im Gemeindehaus zeigt das Amt für Denkmalpflege und Archäologie einige Fundstücke aus längst vergangenen Zeiten. Prunkstück ist ein Beschlag mit einem Wildschwein und einem Löwen aus der Römerzeit, gefunden in der Baarburg. Mithilfe von Freiwilligen, ausgerüstet mit Metalldetektoren, werden immer wieder Schätze aus dem Untergrund ans Tageslicht befördert. Abteilungsleiterin Anette JeanRichard gab sich überzeugt: «Im Baarer Untergrund lagern noch etliche Schätze.»





