Der Baarer Kreuzweg kommt wieder ans Tageslicht
22.04.2026 Musik/KulturKunst 14 Stationen umfasst der Kreuzweg, der vor mehr als 60 Jahren aus der Baarer Kirche entfernt wurde. Die Holzbildhauerin Selina Gentinetta und die Konservatorin Martina Müller restaurieren derzeit diesen einzigartigen Kunstschatz.
FRANZ LUSTENBERGER
Staub in der Wohnung – dagegen hilft ein Staubsauger, der in regelmässigen Abständen zum Einsatz kommt. Aber was hilft bei einem Relief aus Arvenholz, das während Jahren zuerst im Dachboden der St. Annakapelle und dann im ehemaligen Öltankraum des Pfarrhauses eingelagert war? Zuerst setzen die Restauratorinnen Selina Gentinetta und Martina Müller in ihrer Werkstatt in Affoltern am Albis ebenfalls auf einen starken Staubsauger: «Damit entfernen wir den gröbsten Schmutz.» Und dann beginnt die vorsichtige Feinarbeit, mit kleinen Schwämmen und Stäbchen mit Watte. Jede Vertiefung in der über hundertjährigen Holzschnitzarbeit wird sorgfältig gereinigt.
Gut 40 Stunden Arbeit
Nach der Reinigung folgt die eigentliche Restaurierung. Die Farben des Hintergrundbildes und der Figuren werden aufgefrischt, sorgfältig mit Farben und Gold wieder zum Leuchten gebracht, schadhafte Stellen der geschnitzten Figuren werden ersetzt, und dem Holzwurm wird durch konsequenten Sauerstoffentzug der Kampf angesagt. Die beiden Restauratorinnen betonen beim Werkstattbesuch die Kombination ihrer Tätigkeit: «Es geht um Figuren aus Holz und um die Malarbeit am Hintergrundbild und am Rahmen.» Sie bezeichnen den Auftrag, die 14 Stationen wieder zu neuem Glanz zu erwecken, als «sehr schön». Und doch ist es auch Schwerarbeit, denn jede einzelne Station wiegt über 50 Kilogramm. Die beiden Restauratorinnen rechnen mit gut 40 Stunden Arbeit pro Station.
Für 4’000 Franken gekauft
Vor hundert Jahren bemühte sich der damalige Baarer Pfarrer Rudolf Bolliger um einen Kreuzwegzyklus für die Kirche St. Martin. Er erhielt ein Angebot eines Tessiner Kunsthändlers: Man habe im Ausland einen «Kreuzweg gesehen, der eine sehr feine Schnitzer-Arbeit ist». Der unbekannte Holzbildhauer sei im 1. Weltkrieg gefallen, der Auftraggeber habe das Werk nicht bezahlen können, da die Kirche, für die der Kreuzweg bestimmt war, durch den Krieg sehr gelitten habe. «Die Bilder mit Rahmen kosten bei sofortiger Bestellung 4’000 Franken».
So kamen die Stationsbilder in Kisten verpackt Ende 1922 in Baar an. Sie blieben bis 1960 in der Pfarrkirche. Die dreidimensionale Darstellung des Leidens löste Emotionen aus und war bei den Gläubigen sehr beliebt. Im Zuge der umfangreichen Kirchenrenovation anfangs der 60er Jahre kamen gotische Fresken im Kirchenraum zum Vorschein, und der Kreuzweg passte nicht mehr in die Kirche. Er wurde eingelagert, zuletzt im nicht mehr benötigten Öltankraum des Pfarrhauses.
Inspiration durch Gebhard Fugel
Die künstlerische Grundlage für den Baarer Kreuzweg hatte der deutsche Maler Gebhard Fugel (1863–1939) gelegt. Der Bauernsohn bebilderte die Bibel, er schuf zahlreiche Fresken und Altarbilder, so in Süddeutschland und auch in der Schweiz. Er konzentrierte sich auf religiöse Themen, zunehmend monumentale Fresken. Er malte religiöse Historienbilder bewusst dreidimensional. Kein Wunder, dass sich der unbekannte Holzschnitzer bei Fugel für sein Werk inspirieren liess.
Die Restaurierung aller 14 Stationen wird im nächsten Jahr abgeschlossen. Und dann stellt sich für die Kirchgemeinde die Frage, wie die Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Jedenfalls sollen sie nicht wieder im Öltankraum verschwinden und verstauben. Der ehemalige Kirchenschreiber Hanspeter Bart, der die Restaurierung eng begleitet, hofft, dass im Zusammenhang mit der Planung des neuen Pfarreiheims eine gute Lösung gefunden wird.



