Der perfekte Traum für Immobilienentwickler
09.09.2026 WirtschaftEnde August 2026 meldeten Wirtschaftszeitungen in ganz Europa, dass die Schweizer Privatbank Vontobel ihren Firmensitz von Zürich nach Baar verlegt. Der neue Hauptsitz soll auf dem Areal Unterfeld Süd entstehen. Der Einzug ist auf Ende 2029 geplant.
MARCO MOROSOLI
Es dürfte der Traum eines jeden sein, der auf die eine oder andere Weise mit Immobilien handelt: Am 12. August 2026 teilte die Gemeinde Baar auf ihrer Homepage mit, dass die Baubewilligung für den Neubau eines Gewerbehauses mit Einstellhalle im Gebiet Unterfeld Süd rechtskräftig sei. Diese Mitteilung hätte kaum Wellen geschlagen, wenn nicht etwas mehr als zwei Wochen später die Bank Vontobel angekündigt hätte, dass sie ihren Hauptsitz nach Baar verlegen will.
Dieses Ereignis war selbst verschiedenen europäischen Wirtschaftszeitungen und Wirtschaftsplattformen mehr als nur eine kurze Meldung wert. Seinen Ursprung hat das Projekt in Cham, wo die Cham Swiss Properties AG ihren Sitz hat. Sie ist Eigentümerin der Landparzelle in Baar, auf der der Gewerbebau entsteht, den die Bank Vontobel langfristig mieten will.
Dieser Handschlag freut verständlicherweise Thomas Aebischer, den CEO der Chamer Immobilienfirma. In einer Medienmitteilung wird er wie folgt zitiert: «Wir werten dies als Beleg für unsere Kompetenz, Immobilien zu entwickeln, die bezüglich Lage, Nachhaltigkeit und Ausgestaltung die Anforderungen anspruchsvoller Mieter erfüllen.» Laut einem Bericht der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 5. September 2026 kann die Bank durch den Umzug in die Zentralschweiz rund zehn Millionen Franken pro Jahr einsparen.
Der Grossteil des Vontobel-Personals arbeitet ab 2030 in Baar
Das 1924 gegründete Bankinstitut Vontobel ist seit seiner Gründung in der Stadt Zürich beheimatet. Dieser Standort dürfte jedoch bald Geschichte sein: Wenn alles nach Plan verläuft, verlegt die Bank Ende 2029 ihren Hauptsitz mitsamt der Chefetage auf das Areal Unterfeld Süd. Eine Gebäudefront wird zur SBB-Linie Zug–Baar–Zürich ausgerichtet sein. Das Gebäude soll sechs Geschosse umfassen. Rund 1’500 Vontobel-Mitarbeitende dürften den Umzug von Zürich nach Baar mitmachen.
Es soll sich dabei nicht um einen Gewerbebau handeln, der andere Zweckbauten in der Umgebung lediglich kopiert. Wie die Chamer Firma schreibt, entsteht ein Gebäude in Holz-Hybrid-Bauweise.
Dieser Baustandard zeichnet sich dadurch aus, dass Holz das zentrale Baumaterial bildet. Auch Stahl und Beton kommen zum Einsatz, allerdings nur dort, wo sie unverzichtbar sind. Beton ist beispielsweise für das Fundament und die Liftkerne erforderlich.
Ziel dieser zukunftsorientierten Bauweise ist es, die Vorteile der unterschiedlichen Materialien zu verbinden: Die Stärken eines Materials sollen die jeweiligen Schwächen eines anderen ausgleichen.
Der Chamer Immobilienentwickler, der auch die Überbauung Papieri in Ennetsee realisierte, verfolgt mit dem Gewerbebau im Gebiet Unterfeld Süd noch ein weiteres Ziel. Die Bauherrschaft strebt eine Gold-Zertifizierung nach dem Standard «Nachhaltiges Bauen Schweiz» (SNBS) an.
Dieses Label wird nicht leichtfertig vergeben. Bei der Gebäudebeurteilung zählen, wie auf der Internetplattform des SNBS nachzulesen ist, nicht allein energetische Faktoren. Insgesamt 35 Kriterien und 98 Messgrössen aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt bilden den Bewertungsrahmen. Es gilt die aus der Schule bekannte Notenskala. Um den Gold-Standard zu erreichen, muss das Gebäude mindestens die Note 5 erzielen.
Der bald zur Ausführung kommende Holz-Hybrid-Bau, der teilweise auch als Campus bezeichnet wird, soll künftig Platz für rund 1’500 Mitarbeitende bieten. Ihnen stehen Büroflächen von rund 15’000 Quadratmetern zur Verfügung. Damit ist das Flächenbudget für Büronutzungen auf dem Areal Unterfeld Süd bereits etwa zur Hälfte ausgeschöpft.
Dass die Sitzverlegung der Bank Vontobel von Zürich nach Baar nicht überall von Trompeten und Posaunen begleitet wird, liegt auf der Hand. Die Kantone Zug und Zürich gerieten in der Vergangenheit wiederholt aneinander. So etwa im Februar 2025, als sich die beiden Stände wegen der Steuerhoheit über ein wohlhabendes Ehepaar stritten. Zürich setzte sich zwar juristisch durch, doch damit war die Angelegenheit nicht vollständig erledigt. Die Rivalitäten in Finanzfragen erhalten zudem eine besondere Note, da die beiden Finanzdirektoren Heinz Tännler aus Zug und Ernst Stocker aus Zürich der SVP angehören.
Eine Ur-Zürcher Institution zieht nach Baar
Der Wegzug des Zürcher Vermögensverwalters, der rund 241 Milliarden Franken verwaltet, nach Baar sei, wie die «Neue Zürcher Zeitung» am 1. September 2026 kommentierte, «ein Warnsignal». Die «Zuger Zeitung» ordnete den Umzug in ihrer Ausgabe vom 3. September 2026 folgendermassen ein: «Die Bank Vontobel ist nicht der erste gute Steuerzahler, der von Zürich nach Zug zieht.»
Weitere freie Gewerbeflächen sollen in späteren Bauetappen auf dem Areal Unterfeld Süd entstehen. Auch Wohnungen sind vorgesehen. Ob Vontobel-Mitarbeitende dadurch ihre Work-Life-Balance verbessern und gleich in Baar wohnen bleiben, wird sich zeigen. Insgesamt sind auf dem peripher gelegenen Areal 400 Wohnungen geplant, darunter auch solche im preisgünstigen Segment. In Baar wohnhafte Personen sollen bei der Vergabe bevorzugt werden.
Ein Nadelöhr könnte die Zufahrt vom Gebiet Unterfeld zur Nordstrasse werden. Gemäss dem NZZ-Berichterstatter sind die Zuger Strassen – abgesehen von den Autobahnzubringern – jedoch «selten verstopft»; zudem seien Parkplätze «in Fülle vorhanden». Einschätzungen, die Einheimische wohl etwas differenzierter beurteilen dürften.

