Ein Spaziergang durch den Alltag mit Franz Hohler
11.02.2026 Musik/KulturEr zählt seit Jahrzehnten zu den liebenswertesten Menschen der Literatur- und Kabarettszene. Sein sympathischer Humor, die Variationen seiner Stimme und seine Gestik sind Mal für Mal eine Delikatesse für «Aug’ und Ohr».
HANS-PETER SCHWEIZER
Am letzten Donnerstag im Januar erzählte, sang und las Franz Hohler, Schriftsteller- und Kabarettisten-Kapazität in der ausverkauften Rathus-Schüür. Die Leiterin der Bibliothek Baar, Irene Weibel, begrüsste den illustren Gast und zeigte sich überaus erfreut, dass es nach diversen Versuchen endlich zum längst gewünschten Stelldichein in Baar gekommen sei. An diesem Abend führte der «Sprachvirtuose» durch sein reichhaltiges literarisches Gesamtwerk. Hohlers hintergründigen Geschichten sind bekannt für ihre Fabulierkunst. Fantasievolles Erzählen, Abgleiten ins Absurde sowie feine Alltagsbeobachtungen mit unerwarteten Pointen zeichnen die Werke des «Wortakrobaten» aus. Bei den meisten seiner hinreissend vorgetragenen Geschichten könnte man fast vermuten, dass sogar die «Buchstaben vor Freude in seine Texte geschlüpft» seien.
Flanieren durch einige literarische Werke
Zu Beginn rezitierte Hohler sein bereits mit neun Jahren geschriebenes erstes Gedicht, das von «Vaterland und seiner Heiligkeit» handelte, was seinen kindlich unschuldigen Blick von damals auf patriotische Themen verdeutlicht. «Man könnte heute mein Kindergedicht ohne Weiteres an einem ‹Albisgüetli-Anlass› vortragen», meinte der schalkhafte Hohler zum applaudierenden Publikum. Gleichzeitig stellte er fest, dass er es heute sicherlich anders formulieren würde, deutete jedoch an, dass es in seiner Einfachheit und Ernsthaftigkeit immer noch seine Gültigkeit behalten hätte.
Auch sein kreativer Umgang mit biblischen Themen zeigte sich in seiner eigenen «Schöpfungsgeschichte». Darin beginnt alles mit Gott – und einer Kiste voller Erbsen. In der Erzählung weiss Gott nicht, wer ihm die Gemüsekiste geschickt hat, deshalb lässt er sie einfach im All schweben. Nach sieben Tagen zerplatzen die Hülsen und die Erbsenkugeln schiessen ins Nichts hinaus. Sie wachsen und wachsen, und auf einer der Erbsen entwickeln sich die Menschen, die ihn für die Schaffung des Weltalls bis heute verehren. Die Pointe: «Gott wehrte sich nicht dagegen, aber grübelt bis heute darüber nach, wer zum Teufel ihm die Kiste mit den Erbsen geschickt haben könnte.»
Dass die Umwelt für Hohler schon lange eine Herzensangelegenheit ist, zeigt auch sein 1983 geschriebener «Weltuntergang», der bis heute an Aktualität nichts eingebüsst hat. Mal Legato, mal Staccato, mit einem beachtlichen Tempo trug er als Sprechgesang das Stück vor und klopfte dabei mit Fingern und Händen den Takt auf dem Tisch dazu.
Ein bizarres Fussballspiel, humorvoll und hintergründig erzählt, heisst «1:0 für die Toten». Es ist diese eine makabre Kurzgeschichte, in der eine Fussballmannschaft der Lebenden gegen eine Mannschaft der Toten antritt. Dank ihres starken Zusammenhalts, taktischer Überlegenheit und einer Mauertaktik, initiiert von einem «Mann im langen schwarzen Mantel», gewinnen die Toten durch einen abprallenden Ball kurz vor Schluss. Fazit des Lebenden-Trainers: «In Zukunft werden wir wohl alle etwas stärker zusammenhalten müssen …».
Zugaben – Standard und massgeschneidert
Nebst der Zugabe der niedlichen Geschichte «Made in Hongkong» fand vor allem das «bärndütsche Gschichtli» vom «Schöppelimunggi und Houderebäseler» grossen Anklang.
Der Text des bereits 1967 entstandenen Dauerbrenners «s’Totemügerli» besteht zum Teil aus erfundenen Wörtern, die wie Berndeutsch klingen, in das sie eingebettet sind. Die Erzählung basiert auf einer Kunst-, Phantasie- oder Spielsprache. Es handelt sich um das Beispiel eines «Gromolo», einer Aneinanderreihung von phantasievollen, aber doch eher sinnlosen Wortfolgen. Trotzdem kann man sich beim Anhören des «Totemügerli» eine komplette Geschichte vorstellen. Eines dieser Phantasiewörter hat längst den Weg in die reale Mundart gefunden: Das Wort «agschnäggelet» wurde ins heutige Berndeutsch übernommen. Die Bedeutung entspricht in etwa «angeödet sein» oder «zuwider sein». Der Autor hat 1967 ebenfalls eine Kurzfassung von «Es bärndütsches Gschichtli», in Rätoromanisch, mit dem Titel «Il malur da la fuorcla» geschrieben und zur Freude des Baarer Publikums als weitere Zugabe vorgetragen.
Als Kabarettist und Schriftsteller ist Franz Hohler nicht nur bekannt für seine hintergründigen und humorvollen Texte. In der Rathus-Schüür sorgte der begnadete «Texter und Erzähler» auch für die Überraschung des Abends in Form eines kleinen Gedichts, liebevoll massgeschneidert. Gewissermassen eine Hommage an Baar.
Ein Gedicht von Franz Hohler – Hommage an Baar
Ein alter Storch aus Ebertswil, dem bot das Leben nicht mehr viel. Die Frösche wurden langsam knapp, da sagte er sich: «Ich hau ab – mich zieht es in den fernen Süden!» Flog los, fing bald an zu ermüden Sah unter sich ein Häusermeer und dachte: «Mach dir’s nicht zu schwer.» Stach nieder, und schon war ihm klar: «Was soll mir Rom? Ich bleib in Baar!»


