Kopfüber durch die Lüfte, auf der Jagd nach Punkten
26.02.2025 SportDerzeit macht Noé Roth nicht nur auf der Ski-Piste grosse Sprünge: Gerade erst aus den USA zurück, geht’s gleich weiter nach China. Drei von sieben Weltcup-Wettkämpfen hat er noch vor sich.
ANNETTE KNÜSEL
Liegt es am Jetlag? Der Ski-Akrobat aus Baar schaut ein bisschen verschlafen aus der Mütze. Und so richtig lebhaft wird Noé Roth erst, als er beschreiben soll, worauf man bei einem Sprung besonders achten muss.
Ski, Schanze, Salto, Schraube
Bei seinem Sport, der Ski-Akrobatik, allgemein «Aerials» genannt, sehen die Zuschauer Menschen mit Skiern durch die Luft wirbeln: Die Athleten machen Saltos vorwärts und Saltos rückwärts, dazu Schrauben (Seitwärtsdrehung), immer wieder in unterschiedlichen Kombinationen. Vorher ein Sprung von der Schanze. Nachher die Landung auf beiden Skiern. Oder einen Sturz.
Der 24-jährige Roth gehört in dieser Disziplin zu den Besten. Er gewann 2019 bei der Weltmeisterschaft im Team Gold und im Einzel-Wettkampf die Bronzemedaille. 2020 holte er im Gesamt-Weltcup die Gold-Medaille, und ebenso im Gesamt-Weltcup 2023. Im selben Jahr auch noch Platz 1 bei der Weltmeisterschaft.
Durchwachsener Saisonstart
Doch mit dem aktuellen Weltcup ist er noch nicht recht zufrieden. «Es hätte ein bisschen besser laufen können», sagt er und wirkt zerknirscht. Seit Ende Januar hat er vier Wettkämpfe in den USA und in Kanada absolviert. Der Cup begann mit Platz 2 in Lake Placid (USA). Auch beim zweiten Wettkampf startete er gut und kam problemlos unter die letzten Sechs. Doch dann verschätzte er sich beim zweiten und letzten Sprung im «Super-Final». Die Landung kam früher als gedacht und der Sprung endete mit einem Sturz. «Das passiert nicht oft, wenn ich im Super-Final bin», hält Roth fest. Immerhin reichte es trotzdem für den vierten Platz. Für Roth nur ein schwacher Trost. Umso mehr, als er am nächsten Tag schon in der Qualifikationsrunde stürzte und sich am Ende mit Platz 33 zufriedengeben musste. Beim vierten Weltcup-Wettkampf erreichte er Platz 5. Angesichts seiner Unzufriedenheit erstaunt der Blick auf die Gesamtwertung: Dort liegt er trotz der Stürze auf
Platz 2.
Für die verbleibenden drei Wettkämpfe in China, Kasachstan und Italien hat Roth einen klaren Fokus: Es braucht mehr Konstanz! Sein grösster Gegner ist der Absprung: «Wenn ich den erwische, ist alles gut.» Wobei «Absprung» das falsche Wort ist. Roth beschreibt, dass man nicht springt, sondern durchfährt. Die Rampe endet, aber man fährt weiter. Dabei ist es wichtig, dass der Körper voll gespannt bleibt und sich mit gestreckten Beinen den enormen G-Kräften entgegenstemmt. «Durchfahren, dem Speed vertrauen, das ist das Schwierigste.» Keinesfalls darf er dem Druck nachgeben und nach Verlassen der Rampe leicht in die Knie sinken: «Wenn man in die Knie sinkt, dann ist’s vorbei.» Dann fliegt der Körper nicht nach oben, wie die Rampe es vorgibt, sondern nach vorne. Und dann reicht die Zeit bis zur Landung nicht, um alle Saltos und Schrauben sauber auszuführen.
Woher weiss er überhaupt, wie nah die Landung ist? Roth beschreibt, dass er bei drei Saltos mit je einer Schraube genug Zeit hat, den Landepunkt vorher anzuschauen. Aber bei einer Doppelschraube im letzten Salto, da sehe man nichts. Sein Gefühl dafür, wo er sich im Raum befindet, hat er jahrelang geschult und trainiert: auf dem Trampolin, an der Wasserrampe im Trainingszentrum Mettmenstetten und natürlich im Schnee, zum Beispiel in Airolo. Keinesfalls Zufall war auch, dass Roth als Kind einige Jahre im Kunstturnen trainiert hat. Seine Eltern, beide früher selbst im Freestyle-Ski sehr erfolgreich, wussten, dass dies die beste Vorbereitung ist.
Das Ziel gerade noch in Reichweite
Mit Konstanz also will Roth sein doppeltes Saison-Ziel erreichen. Gerne möchte er, erstens, wieder den Gesamt-Weltcup gewinnen, so wie 2020 und 2023. Doch dazu muss er, zweitens, besser sein als dieser eine Kollege, den er seit Kindertagen bewundert, der für ihn «der vielleicht Beste aller Zeiten» ist: den Chinesen Qi Guangpu. Schon als Kind wollte Roth so elegant springen wie er, der heute 35-Jährige.
Wie stehen die Chancen, im Weltcup vor Guangpu Erster zu werden? Derzeit hat der Chinese 70 Punkte Vorsprung vor Roth. Der Abstand zwischen Roth und dem Drittplazierten beträgt gerade mal 8 Punkte, zum Vierten auch, zum Fünften 19 Punkte. Guangpu einholen – das klingt nicht gerade nach einer leichten Übung. «Es ist möglich», sagt Roth, «ich muss einfach in allen drei Wettkämpfen besser sein als er».