Politik im Märchenmodus: Wenn die Realität ignoriert wird

  03.06.2026 Leserbriefe

Überfüllte Züge. Wohnungsmangel. Immer mehr fremdsprachige Kinder in den Schulen. Mehr Kriminalität. Überlastete Infrastruktur – Symptome, die wir gerade im Kanton Zug durch das ungebremste Wachstum im Rekordtempo hautnah miterleben. Die meisten Menschen merken längst: Die Schweiz stösst an ihre Grenzen.

Und trotzdem passiert in der Politik etwas Erstaunliches. Sobald der Zusammenhang mit der Zuwanderung offen angesprochen wird, beginnt das grosse Relativieren. Dann heisst es plötzlich: Die Schweiz habe noch genug Platz. Man müsse einfach dichter bauen. Mehr regulieren. Nur eines darf offenbar nicht gesagt werden: dass unkontrollierte Zuwanderung negative Folgen hat.

Das erinnert an die Geschichte «Des Kaisers neue Kleider». Darin behaupten alle, der Kaiser trage wunderschöne Kleider – obwohl er in Wahrheit nackt ist. Niemand wagt es, die Wahrheit auszusprechen. Erst ein Kind sagt laut, was eigentlich alle sehen.

Genau so läuft heute die Diskussion über die Zuwanderung. Bundesrat Beat Jans erklärt landauf, landab die Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» würde einen Fachkräftemangel verursachen. Es gäbe dann niemanden mehr, der im Winter die Strassen räume oder unsere Abfälle entsorge. Die Schweiz brauche diese Zuwanderung, um zu funktionieren. Gleichzeitig erleben die Menschen im Alltag das Gegenteil. Wer eine Wohnung sucht, wer täglich pendelt oder Kinder in der Schule hat, merkt es. Und trotzdem gilt bei den Gegnern der Initiative die Devise: Realität? Einfach nicht hinschauen!

Genau an diesem Punkt setzt die Nachhaltigkeitsinitiative an. Sie greift unbequeme Wahrheiten auf und gibt dem Gefühl vieler Bürger eine Stimme: Ein kleines Land wie die Schweiz kann nicht endlos wachsen, ohne dass Lebensqualität auf der Strecke bleibt. Denn die Logik dahinter ist simpel: Mehr Einwohner benötigen mehr Wohnraum, mehr Infrastruktur und mehr Platz. Das ist einfache Mathematik. Die Initiative verlangt deshalb nur Vernunft: Zuwanderung ja – aber so, dass unser Land es auch verträgt. Denn Probleme lösen sich nicht durch Ignorieren. Oder, um beim Märchen zu bleiben: Der Kaiser wird nicht angezogen, nur weil alle so tun als ob.

Michael Riboni, Kantonsrat, Baar


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