Pro Sekunde fliessen zwei volle Badewannen ab
13.03.2025 WirtschaftEnde März werden die Arbeiten für die Erneuerung der Mischwasserleitung Langgasse beendet sein. Die Kanalisation ist in diesem Abschnitt dann wieder auf dem neuesten Stand.
FRANZ LUSTENBERGER
Gut 1’600 Franken für einen Meter Kanalisationssanierung. Die Zahl – errechnet aus den Gesamtkosten, geteilt durch die Länge der sanierungsbedürftigen
Leitung – mag eine Spielerei sein. Sie zeigt aber auf, welches Kapital die Gemeinde im Untergrund gebunden hat. Investitionen in die Kanalisation sind zwar nicht billig, die ständige Erneuerung der unterirdischen Leitungen ist aber eine Notwendigkeit, wie der Gemeinderat im Beschluss zur Arbeitsvergabe vom August 2024 festgehalten hat: Die Mischwasserleitung entlang der Langgasse «ist in einem schlechten Zustand und muss saniert werden.»
40 Zentimeter Durchmesser
Die Kanalisation in der Langgasse ist eine sogenannte Mischwasserleitung, wie Projektleiter Daniel Willi vor Ort erklärt. Das heisst: In ihr werden Schmutzwasser aus den angrenzenden Wohn- und Gewerbegebäuden sowie Regenwasser zusammen in einem Rohr von 40 Zentimeter Durchmesser abgeleitet. 40 Zentimeter Durchmesser mögen wenig erscheinen, die Kapazität ist aber recht gross, nämlich 230 Liter pro Sekunde. Willi macht einen Vergleich: «Das sind zwei volle Badewannen pro Sekunde.» Trotz der hohen Abflusskapazität des Rohres – die Gemeinde Baar ist bestrebt, den Regenwasseranteil in den Kanalisationsleitungen zu vermindern. Dies hielt auch der Gemeinderat in seinem Beschluss vom August 2024 fest. Es habe sich gezeigt, dass es keine zusätzliche Leitung im Gebiet Obermühle-Süd brauche: «Mit dem Konzept Schwammstadt und der damit erreichten Versickerung von Meteorwasser kann die Mischwasserleitung stetig entlastet werden.»
Lebensdauer von 80 Jahren
Eine neue Kanalisationsleitung muss auch das zukünftige Wachstum an Wohn- und Gewerbebauten mit einbeziehen. Neben der Langgasse ist das Gebiet Obermühle-Süd eingezont; die entsprechenden Planungen sind im Gange. Gleiches gilt für das Spinnerei-Areal. «Wir rechnen mit einer Lebensdauer einer Kanalisationsleitung von rund 80 Jahren», sagt Willi. Mit Blick auf die Entwicklung der Gemeinde im Bereich der Leitung heisst das: einerseits eine ausreichende Kapazität der Leitung und andererseits eine möglichst hohe Versickerung von Regenwasser vor Ort.
In der Langgasse kommen zwei technische Lösungen zum Einsatz: Im südlichen Teil wird ein neues Rohr eingelegt. Im oberen Bereich des Spinnerei-Areals kommt die Linertechnik zur Anwendung. Dabei wird ein spezielles flexibles Rohr, der sogenannte «Inliner», in das bestehende Rohr eingeführt. Ein neuer Schlauch wird mittels Luftdrucks an das bestehende Rohr gedrückt und gehärtet; es entsteht also ein neues Kunststoffrohr in einer bestehenden Leitung, ähnlich einem Stent bei einem Eingriff am Herzen. Der Vorteil dieser Linertechnik liegt auf der Hand; es entfallen kostspielige Grabarbeiten.
Etappenweise Ausführung
Die Langgasse als Kantonsstrasse ist stark befahren, mit Autos und Bussen der ZVB; viele Fussgängerinnen und Fussgänger benutzen zudem die Trottoirs, um zu ihren Wohnungen und Liegenschaften zu gelangen. Willi dazu: «Die Verkehrsund Fussgängerführung während der Bauzeit stellte uns vor grosse Herausforderungen.» Um die Beeinträchtigungen möglichst klein zu halten, wurden die Arbeiten etappenweise ausgeführt, quasi nur von von Schacht zu Schacht. Die Anwohnenden hätten grosses Verständnis für die Beeinträchtigungen gezeigt. Die Gemeinde verfügt über ein Kanalisationsnetz von rund 90 Kilometern mit insgesamt 2’000 Schächten. Dazu kommen nochmals rund 200 Kilometer Kanalisation im Privatbesitz, vornehmlich Gebäudeanschlüsse ans übergeordnete kommunale Netz. All diese Leitungen im Untergrund müssen laufend auf ihren Zustand überprüft werden. Daraus ergibt sich dann die Investitions- und Arbeitsplanung für die nächsten Jahre. Die Sanierung der Kanalisation Langgasse wird nicht die letzte sein.
Konzept Schwammstadt
Die Schwammstadt ist gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) eine innovative Antwort auf die Herausforderungen, welche die Klimaerwärmung mit Stark-Niederschlagsereignissen mit sich bringt. Statt rasche Entwässerung und Ableitung des anfallenden Wassers setzt das Konzept aufs Aufnehmen und Speichern von Wasser. Wie ein Schwamm nimmt der Boden Regenwasser auf, speichert es im Boden und gibt es den Pflanzen und dem Wasserkreislauf bei Hitze- und Trockenperioden wieder zurück. Dazu braucht es möglichst durchlässige und lebendige Böden. Es hat auch kostenmässig grosse Vorteile. Mit der Verminderung von Regenwasser in den Kanalisationsleitungen müssen diese Rohre nicht vergrössert werden. Zudem wird die kantonale ARA Schönau entlastet.