Tradition bewahren heisst, sie mutig weiterzuführen
25.02.2026 LeserbriefeDie Journalistin Jana Avanzini hinterfragt in ihrem Artikel vom 19.02. 2026, «Frauen als blosse Dekoration», in der Zuger Zeitung die Rolle der Ehrendamen als schmückendes Beiwerk. Das beigefügte Foto eines älteren Mannes in Räbevaterkostüm mit zwei jungen Frauen rechts und links bringt es auf den Punkt und inspiriert mich, über die Baarer Fasnacht nachzudenken. Als ich 1987 als junge Künstlerin und Mitglied der «Vereinigung Zuger» den Grafiker Geny Hotz kennenlernte, beeindruckte mich sein vielseitiges Schaffen. 1947 hatte er die Fasnachtsgesellschaft Baar gegründet. Vorher hatte es in Baar keine Fasnacht gegeben. Die Fasnacht in Baar ist erst 79 Jahre jung und nicht uralt, wie man meint. Geny hatte damals all die Figuren wie den Räbegäuggel, Räbechüng und Räbevater und all die Zeremonien und Masken erfunden. Die Räbefasnacht war sein Kind. In unseren persönlichen Begegnungen in späteren Jahren – ich bin fast 40 Jahre jünger als er – stellte ich fest: Genys gesellschaftliches Weltbild blieb in den 50er Jahren verhaftet. Das war die Zeit der Männerbünde, in der Frauen als Ehrendamen oder im Hintergrund willkommen waren. Die von Geny geschaffene «Räbe-Zunft» war ein Männerclub und hatte bei der Auswahl des Räbevaters Gewicht. Dieser musste ein vermögender Mann sein, der den nötigen «Obolus» entrichten konnte, um die Regentschaft zu finanzieren. Wie ist es heute? Jana Avanzini hat in der Zuger Zeitung eine längst fällige Debatte angestossen. Wir müssen der Realität ins Auge blicken: Die Zeiten, in denen nur Männer über das nötige Kapital für ein solches Ehrenamt verfügen, sind längst vorbei. In Baar gibt es heute zahlreiche erfolgreiche und wirtschaftlich unabhängige Frauen, die diesen «Obolus» ebenso leisten könnten. Frauen sind in den Guggenmusiken, in den Wagenbauteams und im Vorstand der Fasnachtsgesellschaft unverzichtbar. Sie sind Macherinnen, und nicht nur Ehrendamen oder Ehefrau des Räbevaters. Geben wir ihnen endlich den Platz an der Spitze, der ihnen zusteht. Eine regierende Räbemutter wäre das stärkste Zeichen, das die Fasnachtsgesellschaft Baar setzen könnte, um zu zeigen, dass sie im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Esther Löffel, Baar
