WG mit renitenter Leiche und Dachschaden

  26.03.2025 Musik/Kultur

Die Volksbühne Baar feierte Premiere ihres diesjährigen Programms. Es gab viel zu lachen und zu staunen ob der Leistung der Laienschauspielerinnen und -schauspieler. Zuletzt bestätigte sich eine alte Volksweisheit und dass auch vermeintlich «Normale» meist einen Treffer im Oberstübli haben.

LUKAS SCHÄRER

Es war ein gutes Omen, dass der Gemeindesaal zu geschätzt 99 Prozent gefüllt war, als die Volksbühne Baar letzten Freitag die Premiere von «Nid ganz hundert» feierte. Bei dem Stück handelt es sich um die Schweizerdeutsche Adaption des Stückes «Neurosige Zeiten» der deutschen Theaterautorin Winnie Abel. Ausgesucht hat sich dies Regisseur Silvio Speri: «Ich lese jedes Jahr zehn bis fünfzehn Theaterstücke. Je nachdem, welche Spielerinnen und Spieler ich zur Verfügung habe, kommen zwei oder drei Stücke in die engere Auswahl. Die Entscheidung liegt schlussendlich bei mir.» Das Theaterspielen liegt ihm im Blut. «Mein Vater machte jahrzehntelang Regie. Ich war Theaterspieler in dieser Zeit. Danach übernahm meine Schwester. Beim dreissigjährigen Jubiläum kündigte meine Schwester ihren Rücktritt an. Da mich der Job als Regisseur schon immer gereizt hat, habe ich zugesagt.»

So zu tun, als sei alles in Ordnung, war Anlass für absurde Situationskomik
Speri begrüsste zuerst die anwesenden Gäste, erzählte einen flotten Psychiatriewitz und zog mit Unterstützung des Publikums den Gewinner des Wettbewerbs. «Nid ganz hundert» dreht sich um eine illustre Wohngemeinschaft von psychisch angeschlagenen Menschen. Die Umsetzung der Rollen war nie verletzend, und oft zeigte sich, dass auch die angeblich Gesunden nicht alle Tassen im von einem Neurotiker penibel aufgeräumten Schrank hatten. Agnes, Spross einer angesehenen Hoteldynastie und gespielt von Sandra Banterle, war in heller Aufregung. Die mannstolle Ulknudel erwartete ihre Mutter zu Besuch, die keine Ahnung von der Lebensführung ihrer Tochter hatte. Die psychiatrische Station musste daher in eine möglichst normale WG umfunktioniert werden – ein Anlass für absurde Situationskomik. Besonders schön ausgearbeitet waren die Rollen von Zwangsneurotiker und Tüpflischiisser Hans, gespielt von Patric Conrad, und die manisch-depressive Spassbombe, Farbexplosion und bekannte Künstlerin Desirée, interpretiert von Alina Wicki.

Die Volksbühne Baar agierte als professionelles Ensemble
Wie es in einem Schwank üblich ist, gingen die Pläne von Anfang an schief. Besonders gravierend war der plötzliche Tod von Tupperware-Verkäuferin Brigitt (Sandra Hugener), die mit der Tür ins Haus fiel und unter dem Teppich verscharrt wurde. Der Schlamassel wurde umso grösser, als die Leiche im zweiten Akt wieder auferstand und vom Mummenschanz nicht gerade angetan war. Zum Schreien komisch war, dass Agnes Mutter Cécile (Barbara Landolt) ihrer Tochter im Sexualverhalten näher stand als gedacht. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und auch ein Happy End zeichnete sich ab. Verantwortlich dafür war Krawall-Schlagersänger Harri Hammer (Peter Theiler), der schliesslich von seiner Stalkerin Marianne (Julia Kiwitz) verschmäht wurde. Des weiteren glänzten Sandro Speri als Sozialphobiker Willi, Rebekka Huber als realitätsferne Dr. Dr. Elsa Schanz, Philipp Kaiser als hippieesker Pfleger Rolf und Lea Foerster als merkwürdige Patientin Steffi. Therapiebedürftig waren sie alle.

Die Besetzung der Rollen ist eine oft schwierige Aufgabe. Speri: «Insbesondere bei den Männern. Die haben meist eine höhere Hemmschwelle, sich auf die Bühne zu stellen. Dieses Jahr sind wir jedoch sehr gut aufgestellt. Es fehlt aber immer die ältere Generation an Herren. Leider sind in letzter Zeit zwei wirklich gute Theaterspieler gestorben.»

Die Umsetzung von «Nid ganz hundert» war grossartig. Die Volksbühne Baar agierte als professionelles Theater, und nicht – wie man voller Vorurteile meinen könnte – als Ensemble aus Spass an der Freude, bei dem man klatscht, weil man das eben so macht, wenn man die Protagonistinnen und Protagonisten persönlich kennt. «Nid ganz hundert» läuft noch an mehreren Daten bis Freitag, 4. April.


Volksbühne Baar

Die Volksbühne Baar gründete sich im Juni 1988 auf Initiative von Emilio Speri und Gilbert Bapst. Das erste Programm wurde im Februar 1989 im damals frisch renovierten Gemeindesaal Baar aufgeführt. Seither feiert das Ensemble jedes Jahr Erfolge mit einem neuen Programm. Dafür engagieren sich nicht nur die Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern auch ein grosses Team im Hintergrund. volksbuehne-baar.ch.


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