Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber nicht nur

  12.02.2025 Sport

Wenn Noemi Ryhner von sich erzählt, wirkt alles ganz einfach: Ein Kind aus Baar entdeckt fünfjährig das Eishockey und hat mit 25 seine Träume verwirklicht. Doch ohne Kampfgeist geht das nicht.

ANNETTE KNÜSEL

Ende Januar haben die Frauen des EVZ den Women’s National Cup gewonnen. Das Finale gegen Fribourg glich einer «Achterbahnfahrt». So beschreibt es EVZ-Stürmerin Noemi Ryhner. Man habe mit Fribourg während der ganzen Saison schon Mühe gehabt, sei im Finale aber als Mannschaft aufgestanden und habe bis zum Schluss daran geglaubt, dass man siegen werde. Und so sei es dann auch gekommen. Nur auf Nachfrage erwähnt sie, dass sie bei allen fünf Toren auf dem Eis war und bei zwei Toren ihren «Stock im Spiel» gehabt hat.

Allein unter Jungs: Training auf die harte Tour
Das Kämpfen hat Ryhner von der Pike auf gelernt: Mehr als zehn Jahre lang war die Baarerin im Training das einzige Mädchen auf dem Eis. Als sie mit fünf Jahren begann, gab es beim EVZ nur die Jungs-Mannschaft. Im Rückblick ist sie dafür dankbar. Sie musste sich durchkämpfen und teilweise harte Zeiten durchmachen. Einerseits, weil es immer wieder Trainer gab, die sie – weil ein Mädchen – nur mitlaufen liessen, statt sie aktiv zu fördern. Andererseits, weil die körperlichen Unterschiede ab der Pubertät nicht mehr zu leugnen waren. So musste sie genau hinschauen, sich abschauen, was die Jungs da machten. Mit Technik und Intensität konnte sie die körperlichen Unterschiede zumindest zum Teil kompensieren. Ein wichtiger Antrieb während dieser Zeit war der Blick auf die Frauenliga, in der sie künftig spielen wollte. Aber es half auch, dass sie irgendwann mit zwei Jahre jüngeren Buben trainierte.

In Frauenteams von Erfolg zu Erfolg
Mit fünfzehn bekam Ryhner die Möglichkeit, mit dem Zürcher Frauenteam ihre ersten Spiele zu bestreiten. Unter der Woche trainierte sie weiterhin in Zug «mit den Jungs», am Wochenende kämpfte sie mit den Frauen der ZSC Lions um Siege in der A-Liga. Neben dem Eishockey besuchte Ryhner eine Sportschule und machte anschliessend ein Sport-KV. 2017 ging sie zum SC Reinach. Dort holte sie in 38 Spielen 41 Punkte für den Verein. 2020 dann der Wechsel zu den HC Ladies Lugano, die 2021 Schweizer Meister wurden. Ryhner hatte grossen Anteil daran – und ein erstes Lebensziel erreicht. Überhaupt, sagt sie, sei das Jahr in Lugano super gewesen. Durch ihre Kollegin dort wurde ein schwedischer Verein auf sie aufmerksam und fragte sie an. So ging sie nach Schweden und erlebte dort zwei sehr unterschiedliche Vereine. Der eine sei sehr professionell gewesen, was im Frauen-Eishockey überhaupt nicht selbstverständlich ist: Die Spielerinnen hätten gute Trainingszeiten und auch ein Gehalt bekommen, die Bedingungen waren insgesamt sehr gut. «Wie in Zug», fügt Ryhner hinzu. Von Schweden aus fuhr sie 2022 mit dem Schweizer Team zu Olympia – und hatte mit zweiundzwanzig ihr zweites grosse Ziel erreicht.

Zu Hause ist es doch am schönsten
Der EV Zug hatte im Jahr 2007 sein Frauenteam aufgelöst, im Sommer 2023 gründete er es neu. Und Ryhner kam mit 23 Jahren zurück in die Heimat, wo sie als kleines Mädchen mit dem Eishockey angefangen hatte. Hier fühlt sie sich zu hundert Prozent am richtigen Platz. Eine Profi-Karriere wie bei den Männern kann «frau» in Europa heute nicht machen. Aber der EVZ sei mit Riesenschritten «auf dem richtigen Weg». Die Spielerinnen sind im Vierzig-Prozent-Pensum angestellt und haben beste Trainingsbedingungen, sagt sie. Der Verein investiert in den Frauensport, um ihn attraktiv zu machen. Heute haben die Frauen an einem Spiel in Zug durchschnittlich tausend Zuschauer (998, um ganz genau zu sein), Tendenz steigend.

Ziel ist es auch, den weiblichen potenziellen Nachwuchs für das Eishockey zu begeistern. Ryhner möchte Vorbild sein, deshalb zeigt sie sich. «Es ist leichter, wenn man Vorbilder hat.» Sie weiss aber auch: Mit guten Spielerinnen wird die Liga attraktiver für Zuschauer, auch fürs Fernsehen und letztlich fürs Geschäft. Wenn der Frauensport sich entwickelt, gibt es viele Gewinner.

Der Kanton Zug ist nicht nur sportlich der beste Ort für Ryhner – er ist ihre Heimat. «Für mich gibt es keine anderen Optionen», sagt sie zufrieden. Hier in Baar kann sie ihr Leben leben mit Sport, Familie – und ihrer Arbeit im Marketing. Schon früh war klar, dass sie keine Vollzeitsportlerin sein möchte, selbst wenn es möglich wäre. Natürlich ist der Sport sehr wichtig. Mit dem EVZ sind ihre Kindheitsträume in Erfüllung gegangen und es sei mega-schön, dass sie jetzt etwas zurückgeben kann.

Neue Träume, neue Ziele, und immer am Puck bleiben
Apropos Träume: Was macht man, wenn man mit fünfundzwanzig seine Träume bereits verwirklicht hat? Ryhner lacht. Man setzt sich neue Ziele, eine Medaille bei Olympia 2026 zum Beispiel. Und natürlich: den Meistertitel 2025! Nur noch fünf Spiele bis Ende der Saison, das nächste in wenigen Stunden. Der heutige Gegner: die ZSC Lions, den die EVZ-Frauen im Cup gerade noch «rausgehauen» haben. Doch, oh Wunder: Der Sieg bei diesem Spiel geht nach Zürich. «It ain’t over till it’s over», es ist erst vorbei, wenn’s vorbei ist. Da braucht es wohl noch ein bisschen Kampfgeist beim EVZ.


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